Auditive Wahrnehmungserziehung

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Entstehungskontext

Die musikdidaktische Konzeption der "Auditiven Wahrnehmungserziehung" ist im Gegensatz zu anderen Konzeptionen nicht durch die Idee einer einzelnen Person, wie wir sie zum Beispiel bei Michael Alt finden, entstanden. Sie entwickelte sich aus der Arbeitsgruppe des Curriculum-Projekts "Sequenzen"[1], in der Ulrich Günther, dessen Name im Zusammenhang mit der Auditiven Wahrnehmungserziehung häufig als erstes erwähnt wird, ein wichtiges Mitglied darstellte. Das zentrale Schulbuch "Sequenzen" bildet den Mittelpunkt der Konzeption. Es wurde zu Beginn der 70er Jahre entwickelt mit der Absicht, einen Musikunterricht zu entwickeln, der "die gesamte hörbare Wirklichkeit einbezieht und dazu beitragen soll, dass Schüler sich Kommunikation durch Hören und Musikmachen bewusst machen, beurteilen und üben."[2]

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Grundlegende Voraussetzungen für die neue Ausrichtung der auditiven Wahrnehmungserziehung war die bildungspolitische Aufbruchstimmung gegen Ende der 60er Jahre. Die Konzeption wurde ausgehend von einer Verbreitung der integrierten Gesamtschule, die einen stufenbezogenen Unterricht auflösen sollte, entwickelt. Die Gesamtschule möchte ein frühes "Sortieren" der Schulkinder in drei schulische Bildungswege - Hauptschule, Realschule, Gymnasium - verhindern. Nach der Idee der Gesamtschule gehen alle Kinder gemeinsam, ohne Selektion durch schulische Leistungen, bis zum Ende der 10. Klasse einen gemeinsamen schulischen Weg. Erst danach soll sich die weitere schulische und berufliche Zukunft entscheiden. Diese innovative Idee bringt folglich eine größeere Heterogenität in den Klassen mit sich, die wiederum neue Anforderungen an den Unterricht und die Lehrkäfte stellt, sowohl in inhaltlicher als auch in didaktischer Hinsicht. Es verwundert daher nicht, dass sich zu dieser Zeit neue Konzeptionen entwickeln, um Unterricht für alle SchülerInnen zu konzipieren und nicht nur für Leistungs- und Neigungsgruppen. Aus der heutigen Sicht können wir rückblickend feststellen, dass sich die gesamtheitliche und flächendeckende Verbreitung der Gesamtschule nicht durchsetzen konnte. Zwar entstanden Ende der 60er Jahre erste Gesamtschulen, jedoch bilden sie bis heute eher Ausnahmen gegenüber dem dreigliedrigen Schulsystem. Um die Ziele und Inhalte der auditiven Wahrnehmungserziehung jedoch nachvollziehen zu können, muss diese gewollte Veränderung im Schulsystem mitgedacht werden, auch wenn sie sich nicht so weitläufig wie gedacht durchsetzten konnte.

Inhalte und Ziele

Ausgehend von diesen allgemeinen Veränderungen ist ein bedeutender inhaltlicher Punkt nicht verwunderlich: Jeder Schüler soll da abgeholt werden wo er steht und ausgehend seiner individuellen Vorkenntnisse gefördert werden. Günther macht darauf aufmerksam, dass sich der vorherrschende Musikunterricht vornehmlich an die Kinder wendet, die durch "außerschulische Betätigung auf musikalischem Gebiet" interessiert sind, während die vielen anderen Schüler den Musikunterricht eher als unmotiviert und dadurch uninteressant und uneffektiv wahrnehmen.[3] Die Auditive Wahrnehmungserziehung verfolgt das Ziel jeden Schüler, unabhängig von seiner musikalischen Begabung oder Vorkenntnisse anzusprechen, indem sie Dinge zum Thema des Musikunterrichts macht, die jeden Schüler in seiner Umwelt umgeben. Wie sich bereits durch die Bezeichnung der Konzeption "Auditive Wahrnehmungserziehung" vermuten lässt, wird besonders das Hören von Musik zum Thema im Musikunterricht gemacht, unter Anderem mit der Begründung, dass das Hören von Musik die "vorherrschende Verhaltensweise" der Jugendlichen sei.[4] Hervorzuheben ist dabei die spezifische Definition von Musik: Der Begriff "Musik" wird von Günther als ein "geordneter und immer aufs Neue zu ordnender Ausschnitt aus der hörbaren Wirklichkeit" definiert.[5] Diese Definition für Musik will somit ganz deutlich die Umwelt aller Schüler mit einbeziehen, da jeder Mensch von Geräuschen tagtäglich umgeben ist, sie sogar selbst produziert. Im Vordergrund steht nicht mehr Musik als Kunstform, sondern die allgemeine akustische Seite der Musik und ihr sozialer Kontext.


"Aufgabe und Ziel des Musikunterrichts in der allgemeinbildenden Schule ist es nicht, und kann es nicht sein, aus dem Schüler einen Sänger oder einen Instrumentalisten, einen reflektierenden Wissenschaftler oder gar einen Komponisten zu machen, aber auch nicht nur einen Hörer."[6]


Günther weist an dieser Stelle darauf hin, dass "Hören" nicht gleich "Hören" ist, sondern unterschiedlich verstanden und ausgelegt werden kann. Nach seinem Ansatz soll das Hören nicht im Sinne einer Werkbetrachtug im traditionellen Sinn verstanden werden, denn dann würden die Kinder nicht aktiv werden, die außerschulisch nicht in ähnlicher Weise musikalisch ausgebildet werden.[7] Aus diesem Grund sollen gerade alltägliche Geräusche zum Thema von Musikunterricht gemacht werden. Auf der kleinsten Ebene wird das Thema "Schall" als kleinste Einheit von Geräuschen, die eine bestimmte Gesetzmäßigkeit haben, im Schulbuch "Sequenzen" als Unterrichtsthema vorgeschlagen und als grundlegender Baustein von Musikunterricht gemacht. Diese inhaltliche Basis folgt ganz logisch aus der bereits erwähnten Definition von Musik. Schall ist die kleinste Einheit, ist das Grundmaterial von allem zu Hörenden. Die Schüler sollen im Unterricht die hörende Wahrnehmung schulen und lernen zu differenzieren. Da Musik als "geordneter Schall" verstanden wird, sollen Schüler selbsthandelnd überprüfen, ab wann etwas Musik ist. Sie sollen Schall selbst in eine Ordnung bringen. Diese Grenze zwischen Musik und Nichtmusik zum Thema zu machen, führt zu einem weiteren Inhalt der Konzeption: Jede Art von Musik, und nicht nur die im traditionellen Musikunterricht üblichen "Meisterwerke", wird im schulischen Unterricht betont. Besonders Neue Musik soll ihren Platz im Unterricht bekommen, da sie grundlegende und zugleich äußerst differenzierte Hörerfahrungen ermöglicht. Schüler sollen Kompositionen anderer kennenlernen, aber nicht im Sinne einer Werkbetrachtung, einer unveränderbaren und "heiligen" Komposition, sondern in einem Akt des kritischen Musikhörens, in dem Ordnungen gefunden, hinterfragt und möglicherweise neu geordnet werden können und sollen. Das Kunstwerk wird zwar betrachtet, aber der Grund ist ein anderer als bei einer Kunstwerkorientierten Didaktik, die das Werk, also das Objekt in den Mittelpunkt stellt und nicht den Schüler (Subjekt). Die Auditive Wahrnehmungserziehung bricht mit einem Kanon an lernbarem Musikgut, versucht den Musikunterricht für jede Art von Musik zu öffnen und dabei vom Schüler auszugehen. So versucht diese Konzeption ganz klar einen formalen Aspekt im Unterricht zu betonen. Der Schwerpunkt verschiebt sich vom Kunstwerk auf den "Prozess des Lernens", und lässt somit den Schüler selbst in den Mittelpunkt von Musikunterricht rücken, denn um ihn ginge es schließlich in der schulischen Erziehung.[8] Neben den eben beschriebenen Zielen und Inhalten, zusammenfassend gesagt ein kritisches Musikhören zu fördern, welches sich mit aller hörbaren Umwelt beschäftigt, lässt sich ebenso erkennen, dass der Musikunterricht nicht als reine Fachausbildung verstanden werden soll. Die Schüler lernen, dass das, was ein Mensch an ästhetischen Objekten, also zum Beispiel an Kompositionen geschaffen hat, auch wieder veränderbar ist. Beispielsweise kann ein Interpret eines bestimmten Werkes durch seine Interpretation die Musik in einen aktuellen Zusammenhang stellen. Auch außermusikalisch ist das Ziel die "Wahrnehmung und Gestaltung der eigenen Umwelt und damit natürlich auch der Gesellschaft zu genießen, zu kritisieren und sie zu verändern."[9] Jedem Schüler sei bei dieser beschriebenen Methode eine Erkenntnis durch sinnliche Wahrnehmung ermöglicht. Daher lässt sich sagen, dass die Auditive Wahrnehmungserziehung ein Teil der allgemeinen Bildung, die zwischen Umwelt und Mensch vermittelt, Anteil haben möchte. Eine weitere Ebene, die neben der Behandlung von Schall als Thema von Unterricht werden soll, ist die Sprache. Da die Wertung eines Werkes, einer Schallerfahrung im weitesten Sinne nicht vorgegeben ist, sondern aufgrund jeder einzelnen Hörerfahrung hinterfragt wird, bedarf es der Kommunikation. Durch Kommunikation über einzelne Hörerfahrungen und Hörreaktionen können Schüler die Wechselwirkung zwischen diesen Reaktionen und den dafür zugrunde liegenden musikalischen Sachverhalten aufdecken und eventuell produktiv verändern. Jeder Schüler kann seine eigenen Erfahrungen mit denen anderer vergleichen und wird dabei wahrscheinlich Übereinstimmungen, aber auch Abweichungen feststellen. Es wird also auch eine weitere Ebene der Kommunikation geübt: Neben der Kommunikation über Musik, erkennen Schüler auch eine Kommunikation durch Musik. Die Schüler werden also auf der einen Seite sensibilisiert durch das Erkennen bestimmter Parameter (Lautstärke, Dichte, Höhe, etc.), und sollen auf der anderen Seite lernen durch aktives Einwirken auf Musik, eine veränderte Hörreaktion hervorrufen zu können. Günther stellt fest, dass es im Sprachunterricht grundlegende Übereinstimmungen mit einem Musikunterricht nach "seiner" Art gibt, denn auch im Sprachunterricht geht es zum Teil um hörende Wahrnehmung. Jedoch weist er im Besonderen auf die Unterschiede von Sprache und Musik hin: "Sprache ist mehr als Musik, und Musik ist mehr als Sprache."[10] Die Differenzen und Gemeinsamkeiten sollen im Musikunterricht zum Thema gemacht weren, um mit der hörbaren Wirklichkeit geschult umgehen zu können.

Das Schulbuch Sequenzen

Wie bereits erwähnt, entwickelte sich die Konzeption der Auditiven Wahrnehmungserziehung aus einer Arbeitsgruppe, die sich zur Aufgabe machte ein Lehrwerk für den Musikunterricht zu veröffentlichen. Dieses Schulbuch sollte kein in sich geschlossenes Lehrwerk sein, sondern vielmehr durch Lehrer mitgestaltet und immer weiter erweitert werden. Daher war es geplant, das Buch in mehreren Folgen erscheinen zu lassen, um neue Erkenntnisse durch bereits Angewandtes einzuarbeiten. Deshalb sollte es nicht als Schulbuch verstanden werden, welches von vorne nach hinten durchgearbeitet wird. Es gibt keine Hierarchie bezüglich der Themen, die ganz individuell auf eine einzelne Klasse herausgesucht werden sollten. Der Lehrperson steht neben dem Arbeitsbuch ein didaktisches Handbuch sowie weitere Materialien, wie zum Beispiel Tonträger zur Verfügung. Während die erste Folge des Arbeitsbuches "Sequenzen" noch für große Aufmerksamkeit sorgte, wurde die von den Autoren gewünschte stetige Weiterentwicklung jedoch nicht verwirklicht. Man mag vermuten, dass der vielfältige und hohe Einsatz der Lehrer, welcher zur Weiterentwicklung nötig und gewünscht war, eine zu große Anforderung bzw. einen zu großen Arbeitsaufwand darstellte. Ebenso ist zu bedenken, dass im Laufe der 70er Jahre weitere didaktische Modelle entwickelt wurden. Neue Konzeptionen und mit ihnen auch neue Schulbücher wurden entwickelt, die das Buch "Sequenzen" in den Hintergrund rücken ließen.

Kritik

Einer der wichtigsten und bedeutendsten Unterschiede der Auditiven Wahrnehmungserziehung zu den bis dahin geläufigen Konzeptionen bzw. Konzepten von Musikunterricht sollte es sein, inhaltlich ganz elementar zu beginnen und den Alltag in den Unterricht zu holen. Neben den Umweltgeräuschen, deren kleinste Einheit der Schall ist, sollte ebenfalls jede Art von Musik einbezogen werden und nicht nur die klassischen Werke eines recht traditionellen Werkkanons. Sieht man sich jedoch die Beispiele des Unterrichtsbuches an, stellt man fest, dass sich die Unterrichtsvorschläge fast ausschließlich auf Neue Musik beziehen. Der Versuch, den Musikunterricht weg von einem Materialkanon und hin zu einem am Schüler orientierten Unterricht zu lenken, scheint somit nicht konsequent umsetzbar gewesen zu sein. Die didaktische Konzeption wehrt sich in ihrer Beschreibung gegen eine Kunstwerkorientierung. Durch den starken Einbezug Neuer Musik trifft sie letzten Endes aber doch eine normative Entscheidung. Es scheint, als ob anstelle eines "alten", traditionellen Werkkanons nun ein neuer Materialkanon aufgestellt wird, an dem sich der Musikunterricht orientieren soll. Die Auditive Wahrnehmungserziehung wollte formal sein, war dann aber letzten Endes doch normativ. Ein weiterer Punkt, der weniger als Kritik, sondern vielmehr als möglicher Grund des Scheiterns genannt werden kann, ist die hohe Anforderung an den Lehrer. Sowohl der Anspruch, das Lehrbuch immer wieder durch Resonanz und Mitarbeit der Lehrer zu erweitern als auch die vorauszusetzenden Kenntnisse im Bereich der Neuen Musik, überforderten vermutlich viele Lehrer. Man muss bedenken, dass die meisten Lehrer, die nun auf diesen neuen Ansatz trafen, gar nicht oder nur sehr wenig im Bereich der Neuen Musik ausgebildet waren. Günther selbst war die Abhängigkeit von Ausbildung der Lehrer mit den Inhalten, die im Unterricht gemacht werden können, bewusst. Er beschäftigte sich später mit diesem Thema und hat durch seine Arbeit an der Universität Oldenburg sicherlich auch viel zu einer Veränderung beigetragen. Jedoch begannen diese Veränderungen sehr langsam und es lässt sich daher vermuten, dass sich ein Großteil der Lehrer mit den wachsenden Anforderungen an sie überfordert fühlte.

Literatur

  • Günther, Ulrich: "Zur Neukonzeption des Musikunterrichts", in: Forschung in der Musikerziehung 5/6, S.12-21, Mainz 1971
  • Günther, Ulrich: "Musikunterricht in der Gesamtschule. Prinzipien, Ziele, Aufgaben.", in: Kraus, E. (Hrsg.): Bildungsziele und Bildungsinhalte des Faches Musik, Mainz
  • Günther, Ulrich: "Musikhören - das musikpädagogische Hauptproblem der Gegenwart?", in: Musik und Bildung 4, S.162-164, Mainz 1970
  • Günther, Ulrich: "Das Thema "Schall" im Musikunterricht. Didaktische Überlegungen und Unterrichtsversuche.",in: Musik und Bildung 1, S.25-28, Mainz 1972
  • Harnischmacher, Christian: "Auditive Wahrnehmungserziehung", in: Helms/Scheider/Weber (Hrsg.): Lexikon der Musikpädagogik, Kassel 2005
  • Jank, Werner (Hrsg.): Musikdidaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II, Berlin 2005
  • Ott, Thomas: Auditive Wahrnehmungserziehung, in: Diskussion Musikpädagogik 30, 2006



  1. vgl. Harnischmacher, Christian: Auditive Wahrnehmungserziehung, in: Lexikon der Musikpädagogik, S.29
  2. Ebd., S.29
  3. vgl. Günther: "Zur Neukonzeption des Musikunterriochts", S.14
  4. vgl. Günther: "Musikhören - das musikpädagogische Problem der Gegenwart?", S.163
  5. vgl. Günther: "Zur Neukonzeption des Musikunterrichts", S.17
  6. Günther: "Musikhören - das musikpädagogische Hauptproblem der Gegenwart?", S.164
  7. vgl. Günther: "Zur Neukonzeption des Musikunterrichts", S.15
  8. vgl. Günther: "Auditive Wahrnehmungserziehung", in: Lexikon der Musikpädagogik
  9. Günther: "Zur Neukonzeption des Musikunterrichts", S.17
  10. Günther: "Zur Neukonzeption des Musikunterrichts", S. 16