Bastian-Studie

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Einleitung

Das als Langzeit- und Evaluationsstudie konzipierte Forschungsprojekt Zum Einfluss erweiterter Musikerziehung auf die allgemeine und individuelle Entwicklung von Kindern wurde von Schuljahresbeginn 1992 bis zum Schuljahresende 1998 unter der Leitung von Hans Günther Bastian an Grundschulen in Berlin durchgeführt. Gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie war die Studie ursprünglich auf drei Jahre angelegt, wurde 1995 jedoch um weitere drei Jahre verlängert. Somit ergab sich eine Gesamtlaufzeit von sechs Jahren. Nachdem 1998 die Datenerhebung abgeschlossen war, wurden die Studienergebnisse Anfang 2000 in Form der Abschlusspublikation Musik(erziehung) und ihre Wirkung (Bastian 2000) veröffentlicht.


Genese der Studie

Bastian beschreibt die Entstehungsgeschichte der Studie als Resultat seiner Forschungsarbeiten in den Jahren vor dem Berliner Projekt (vgl. Bastian 2000: 37). Bereits 1989 und 1991 hatte er Studien über musikalisch Hochbegabte und junge Instrumentalisten vorgelegt (Bastian 1989, 1991), die „Anlass zur plausiblen Annahme [gaben], dass das Musizieren erstaunliche Transfereffekte zeitigen könnte“ (Bastian 2000: 37). Verfolgt man Bastians Forschungsbiografie, so stellt die Berlin-Studie das vorläufige Ende einer Reihe von Untersuchungen dar, die die Auswirkung und Folgen von Musik auf professionelle Musiker sowie auf musikalisch nicht vorgebildete Menschen zum Inhalt haben. Das Neue an der vorliegenden Studie ist vor allem die untersuchte Personengruppe:

„Wir wollten […] wissen, welche Kurz- und Langzeiteffekte in der musikalischen Entwicklung von normal begabten und von Musik noch relativ unberührten Grundschulkindern sich im kognitiven, sozialen, emotionalen, ästhetischen und psychomotorischen Bereich möglicherweise nachweisen lassen“ (Bastian 2000: 81).

Im Mittelpunkt der Studie stehen also die Auswirkungen von 'erweiterter' Musikerziehung auf sechs- bis zwölfjährige Kinder.

Forschungsdesign: Aufgabenstellung und Hypothesen

Bastian formuliert die grundlegende Aufgabenstellung der Studie wie folgt:

„Die Studie […] prüft, ob, in welchem Ausmaß und in welchen Dimensionen ihrer Entwicklung Kinder durch eine erweiterte Musikerziehung besonders zugewinnen und gefördert werden, in welchen Persönlichkeitsbereichen weniger oder gar nicht, wann und wo hemmende Einflüsse bzw. persönliche Krisen (kritische Lebensereignisse) auftreten können“ (Bastian 2000: 38).

Der Studie ist eine zweiseitige globale Ausgangshypothese zugrunde gelegt, die zusammengefasst folgendermaßen lautet:

Nullhypothese H0: „In der Persönlichkeitsentwicklung besteht kein Unterschied zwischen Kindern mit und Kindern ohne einen besonderen Musikschwerpunkt“ (Bastian 2000: 82).

Alternativhypothese H1 positiv: Erweiterte Musikerziehung „grundiert und fördert intellektuelle, ästhetische, kreative, praktische, psycho-motorische […] Fähigkeiten, ebenso motivationale Dispositionen […] und soziale Kompetenz und sie pfleg[t] bestimmte Formen des Denkens“ (Bastian 2000: 82). Sie wirkt sich also positiv auf die Persönlichkeitsentwicklung aus.

Alternativhypothese H1 negativ: Erweiterte Musikerziehung wirkt sich unter anderem als zusätzliche Belastung aus, bringt Frustrationen bei Misserfolgen, führt zu Zwang, Druck und Erfolgszwängen, beschneidet nicht-musikalische Interessen, begrenzt die Sozialkontakte auf die musizierende Gruppe (vgl. Bastian 2000: 84).


Datenerhebung und Beschreibung der Stichprobe

Es wurden über den gesamten Zeitraum hinweg ca. 100 Testeinsätze an sogenannten 'musikbetonten' Grundschulen in Berlin durchgeführt. Durch Beobachtung und Untersuchung der Kinder konnten über eine Million Daten nach differenzial-, sozial- und entwicklungspsychologischen Gesichtspunkten erhoben werden. Neben den untersuchten Bereichen, für die Auswirkungen eines 'erweiterten' Musikunterrichts erwartet werden, sind auch unabhängige bzw. möglicherweise intervenierende Faktoren erfasst.

Zur Erhebung der Daten wurde eine Stichprobe gebildet, die sich in eine Versuchsgruppe und eine Kontrollgruppe unterteilt. Die Versuchsgruppe umfasste anfänglich 123 Schüler aus fünf 'musikbetonten' Grundschulen. Diese Zahl verkleinerte sich im Laufe des Untersuchungszeitraumes auf 87 Schüler. Die Kontrollgruppe dagegen setzte sich zu Beginn der Studie aus 47 Kindern zusammen, die an zwei Vergleichsschulen einen herkömmlichen Musikunterricht genossen, und verkleinerte sich bis zum Ende der Untersuchung auf 38 Schüler. Die Dezimierung beider Gruppen ist dadurch zu erklären, dass - wie bei einer Langzeitstudie zu erwarten - einige Schüler die Klasse oder die Schule wechseln, oder ein Ortswechsel durch Umzug stattfand.

Ziele der Studie

wissenschaftlich

In der Studie werden mehrere Ziele verfolgt. Zum einen sieht Bastian die Studie als Beitrag zur Bildung eines „wissenschaftlichen Fundaments“ (Bastian 1997a: 123) in einem, seines Erachtens, noch relativ unerforschten Bereich. Bastian beschreibt den Kenntnisstand über den Einfluss von Musikerziehung auf die Entwicklung von Kindern als viel zu gering und erhofft durch die Berlin-Studie neue, empirisch abgesicherte Erkenntnisse zu erlangen (vgl. Bastian 1997a: 123ff). In diesem Zusammenhang stehen die Zielvorgaben aus wissenschaftlicher Sicht: Erfassung von differenzial-, sozial- und entwicklungspsychologischen Daten, Beschreibung von Merkmalsveränderungen und Evaluation von Transfereffekten. Aufgrund dieser Erhebungen soll dann in einem zweiten Schritt die „interindividuelle Entwicklung in intraindividuellen Veränderungen von Kindern […] beschrieben, erklärt und bewertet [werden]“ (Bastian 2000: 33).

bildungspolitisch

Daneben wird in der Studie von Anfang an eine weitere Zielsetzung deutlich, die auf einen bildungspolitischen Hintergrund verweist:

„Auf der Basis qualitativer und quantitativer Befunde soll die Effektivität einer Musikbetonung in Grundschulen wissenschaftlich überprüft werden, um a posteriori (empirisch abgesichert) bildungs- und schulpolitische Empfehlungen abzuleiten“ (Bastian 1997a: 126).

Der Studie liegt also auch ein eindeutig normativer Forschungsansatz zugrunde, den Bastian immer wieder betont:

„Wertefreiheit in der Forschung ist ein fauler Friede, der den Anschein der Überlegenheit suggeriert, in Wahrheit aber darüber hinwegtäuscht, dass diesem Forschungsansatz an einer (bildungspolitischen) Veränderung von gesellschaftlichen Realitäten wenig oder gar nichts gelegen ist“ (Bastian, Kormann 2001: 56).

Bastian verfolgt diese Zielsetzung konsequent und gibt im Verlauf der Studie eine Fülle von schulpolitischen Empfehlungen.


Ergebnisse

Diskurs und Kritik

Die Bastian-Studie wurde von einem großes Medienecho begleitet, das z.T. bis heute nachhallt. Ein ähnlich großes Interesse war in den Jahren 2000-2002 auch in der Fachwelt festzustellen. Eine Fülle von Rezensionen, Aufsätzen und Stellungnahmen liegen vor, die sich teils sehr kritisch mit der Studie auseinandersetzen. Neben einer Reihe von Beiträgen in Sammelpublikationen und Zeitschriften ist dem Diskurs über die Bastian-Studie ein ganzer Band der Musikpädagogischen Forschungsberichte mit dem Titel Macht Musik wirklich klüger? (Gembris et al. 2001) gewidmet. Auch die Zeitschrift Diskussion Musikpädagogik beschäftigt sich in der Dezember-Ausgabe 2002 fast ausschließlich mit der Bastian-Studie.

Die geäußerten Kritikpunkte lassen sich grob unter drei Gesichtspunkten zusammenfassen:

  • Erstens wird die methodische Vorgehensweise in Frage gestellt,
  • zweitens die Interpretation der Studienergebnisse bemängelt und
  • drittens deren Präsentation kritisiert.


Kritik an der methodischen Vorgehensweise

Zuallererst erscheint die Stichprobe in ihrer Gesamtgröße sowie der quantitativen Relation der beiden Versuchsgruppen für statistische Berechnungen ungünstig (vgl. Bruhn 2001, Spychiger 2001b, Vanecek 2001). Auch bei genauerer Betrachtung von Modell- und Kontrollgruppe werden z.T. eklatante Differenzen sichtbar.

Im Zentrum der Methodenkritik steht jedoch das Versuchsdesign der Studie, indem keine ‚echte’ Kontrollgruppe vorhanden ist (vgl. Vanecek 2001, Spychiger 2001a, Altenmüller 2001, Dartsch 2003, Röbke 2001). An den Untersuchungen war neben der Modellgruppe mit erweitertem Musikunterricht nur eine Kontrollgruppe ohne eigenes Treatment beteiligt. Somit ergibt sich ein zusätzliches Problem für die Beurteilung der Ergebnisse, denn was genau konnte durch die Untersuchungen evaluiert werden? Letztlich lassen sich nur dahingehend Aussagen formulieren, dass Schüler mit einem zusätzlichen Unterrichtsangebot – und damit zwangsläufig einhergehender intensiverer Betreuung, größerer Motivation, etc. –, z.T. bessere Entwicklungen aufweisen, als Schüler denen dieses erweiterte Angebot nicht zuteil wird. Inwieweit nachgewiesene Effekte möglicherweise auf den Musikunterricht zurückzuführen sind, kann auf Basis dieser Versuchsanordnung nicht geklärt werden. Die Annahme, dass z. B. erweiterter Sportunterricht ähnliche Ergebnisse zeitigen könnte, scheint berechtigt.

In der Summe der im wissenschaftlichen Diskurs vorgebrachten Kritikpunkte wird deutlich, auf welch methodisch weichem Grund die Bastian-Studie steht. Die Folgen für die Datenauswertung liegen auf der Hand. Eindeutige Interpretationen und das Herstellen von Kausalzusammenhängen, etwa zwischen erweiterter Musikerziehung und Intelligenzentwicklung, können wissenschaftlich begründet nicht erfolgen.


Kritik an der Interpretation und Präsentation der Ergebnisse

In diesem Zusammenhang steht auch die z.T. harsche Kritik an der Interpretation und Darstellung der Studienergebnisse. Trotz der bedenklichen methodischen Basis leitet Bastian eine Reihe von Interpretationen zugunsten des erweiterten Musikunterrichts ab. Diesbezüglich wird immer wieder eine einseitige und teilweise wissenschaftlich unseriöse Vorgehensweise beanstandet. In verstärktem Maße ist dies für die Präsentation der Studienergebnisse gegenüber der Öffentlichkeit zu beobachten. Die Taschenbuchfassung der Studie (Bastian 2001a) stellt hierfür das anschaulichste Beispiel dar.


Antwort auf die Kritik

Hans Günther Bastian hat mit folgendem Aufsatz eine ausführliche, hier zur Veröffentlichung freigegebene Antwort auf die an der Studie geäußerte Kritik formuliert: „Nach langem Schweigen: Zur Kritik an der Langzeitstudie ‚Musikerziehung und ihre Wirkung‘ (2000)“ (PDF, 243 kb; zugesandt am 2. Februar 2008)

Literatur

  • Altenmüller, Eckart (2001), „Macht musizieren intelligent?“, in: Musik-impulse, H. 2, S. 7-13.
  • Bastian, Hans Günther (1989), Leben für Musik. Eine Biografiestudie über musikalische (Hoch-)Begabungen, Mainz: Schott.
  • Bastian, Hans Günther (1991), Jugend am Instrument. Eine Repräsentativstudie, Mainz: Schott.
  • Bastian, Hans Günther (1995), „Zur musikalischen Begabung sechs- und siebenjähriger Kinder. Teilergebnisse einer laufenden Langzeitstudie an Berliner Grundschulen“, in: Musik und Unterricht, H. 31, S. 43-49.
  • Bastian, Hans Günther (1996), „Intensive Musikerziehung im Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern“, in: Zeitschrift der Musikerzieher Österreichs, 49. Jg., Nr. 4, S.148-163.
  • Bastian, Hans Günther (1997a), „Beeinflusst intensive Musikerziehung die Entwicklung von Kindern? Zwischenbilanz zu einer Langzeitstudie an Berliner Grundschulen“, in: Persönlichkeitsentfaltung durch Musikerziehung, hrsg. v. Hubert Eiholzer, Aarau: Nepomuk (= Musikpädagogische Schriftenreihe, Bd. 10), S. 123-149.
  • Bastian, Hans Günther (2000), Musik(erziehung) und ihre Wirkung. Eine Langzeitstudie an Berliner Grundschulen, unter Mitarbeit von Adam Kormann, Roland Hafen, Martin Koch, Mainz: Schott.
  • Bastian, Hans Günther (2001), „Die Substanz – vom Etikettenschwindel verdeckt. Hans Günther Bastian über seine Langzeitstudie zur musikalischen Bildung“, in: nmz, Jg. 50, Nr. 4, S. 1+8.
  • Bastian, Hans Günther (2001a), Kinder optimal fördern – mit Musik. Intelligenz, Sozialverhalten und gute Schulleistung durch Musikerziehung, Mainz: Schott.
  • Bruhn, Herbert (2001), „Hans Günther Bastian (2000). Musik(erziehung) und ihre Wirkung. Eine Langzeitstudie an Berliner Grundschulen.“, Rezension in: Macht Musik wirklich klüger? – Musikalisches Lernen und Transfereffekte, hrsg. v. H. Gembris, R.-D. Kraemer, G. Maas, Augsburg: Wißner (= Forum Musikpädagogik, Bd. 44; Musikpädagogischer Forschungsbericht, Bd. 8), S. 271-275.
  • Gembris, Heiner; Kraemer, Rudolf-Dieter; Maas Georg (2001), Macht Musik wirklich klüger? – Musikalisches Lernen und Transfereffekte, Augsburg: Wißner (= Forum Musikpädagogik, Bd. 44; Musikpädagogischer Forschungsbericht, Bd. 8).
  • Knigge, Jens (2007), Intelligenzsteigerung und gute Schulleistungen durch Musikerziehung: Die Bastian-Studie im öffentlichen Diskurs, Saarbrücken: vdm Verlag.
  • Röbke, Peter (2001), „Vom Nutzen der Musik und des Musizierens in Zeiten von `scientific literacy´ – eine Auseinandersetzung mit der Berlin-Studie Hans Günther Bastians, in: Diskussion Musikpädagogik, H. 12, S. 6-17.
  • Spychiger, Maria (2001a), „Was bewirkt Musik?“, in: Macht Musik wirklich klüger? – Musikalisches Lernen und Transfereffekte, hrsg. v. H. Gembris, R.-D. Kraemer, G. Maas, Augsburg: Wißner (= Forum Musikpädagogik, Bd. 44; Musikpädagogischer Forschungsbericht, Bd. 8), S. 13-37.
  • Spychiger, Maria (2001b), „Antwort auf Hans Günther Bastian & Adam Kormann ´Transfer im musikpädagogischen Diskurs´“, in: Macht Musik wirklich klüger? – Musikalisches Lernen und Transfereffekte, hrsg. v. H. Gembris, R.-D. Kraemer, G. Maas, Augsburg: Wißner (= Forum Musikpädagogik, Bd. 44; Musikpädagogischer Forschungsbericht, Bd. 8), S. 67-69.
  • Vanecek, Erich (2001), „Was vermehrt vermehrter Musikunterricht?“ in: Diskussion Musikpädagogik, H. 12, S. 28-35.


Weblinks