Der musikpädagogische Diskurs nach dem Ende des Dritten Reichs

Aus WikiMusikP
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der musikpädagogische Diskurs nach dem Ende des Dritten Reichs

Das Thema „Drittes Reich“ war nach 1945 lange Zeit ein Tabu. Zum einen, da die Menschen in Deutschland im wahrsten Sinn des Wortes alle Hände voll zu tun hatten, das Land wiederaufzubauen. In der damals aufkommenden Bezeichnung „Stunde Null“ zeigt sich jedoch zum anderen die Selbsttäuschung, mit der die Menschen versuchten die vergangenen Kriegsjahre zu vergessen. Prieberg stellt in seiner grundlegenden Arbeit dieses Vergessen in die Nähe von Geschichtsfälschungen. Das diese Verdrängung nicht von langer Dauer war, liegt wohl vor allem daran, dass nun einmal eine jede historische Epoche auf der vorangegangenen aufbaut. Auch das Gebiet der Musikpädagogik der NS-Zeit wurde nach 1945 jahrelang verdrängt oder ausgeklammert. Dies geschah aus zweierlei Gründen: Man hielt an der Illusion fest, man könne dort fortfahren, wo die Reform der Schulmusikerziehung im Jahre 1933 angeblich unterbrochen worden war. Darüber hinaus wollten die Betreffenden schlichtweg nicht daran erinnert werden, auf die eine oder andere Weise darin verstrickt gewesen zu sein. Theodor W. Adorno feuerte seit 1952 Generalangriffe auf die Musische Erziehung ab. Ihm gelang hierbei die Mischung aus politischer Motivation und pädagogischer Begründung. (Vgl. Adorno 1954, 1956) Die Reaktionen der Betroffenen fielen dabei sehr unterschiedlich aus. Stießen Adornos Beschuldigungen zunächst auf heftigen Widerstand und lösten Rechtfertigungsversuche aus, so folgten darauf Reaktionen des Trotzes und der Verhärtung. Viele reagierten mit Unsicherheit, Distanzierung oder auch mit Ignoranz. Schauplatz dieser Stellungnahmen war vornehmlich die Zeitschrift "Junge Musik“, so in den Ausgaben von 1953, 1954 und 1957. Was jedoch, wenn überhaupt, dann verschämt oder nur am Rande in Fachveröffentlichungen erwähnt wurde, war wiederum die ach so gerne vergessene NS-Zeit. Nur wenige äußerten sich kritisch zu diesem Thema, unter ihnen Abraham (1963, 1965), Segler (1966), Rehberg (1979, 1982) und Sydow (1982).

In den 1960er Jahren begann dann die Musikpädagogik selbst, sich mit der Musikerziehung im dritten Reich in historisch-kritischer Weise auseinanderzusetzen. Das Erkenntnisinteresse der musikpädagogischen Autoren wurde vor allem durch die Auseinandersetzung der Apologeten einer musischen Erziehung mit Adornos Ideologiekritik geweckt. Auch die bildungspolitischen und somit strukturellen Veränderungen in Schule und Hochschule seit Beginn der 1960er Jahre verlangten nach einem neuen Selbstverständnis im Bereich der Musikerziehung. Zunächst passierte dies noch sehr punktuell und eher unkoordiniert an Hand musikdidaktischer Einzelfragen, wie etwa „Lied und Liederbuch“, „Instrument und Stimme“ oder „Musikhören im Musikunterricht“. Musikdidaktische Gesamtentwürfe entstehen ab dem Ende der 1960er Jahre, ebenso wie Einzeluntersuchungen und fachgeschichtliche Arbeiten. Die Letztgenannten zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich implizit oder explizit mit jeweils bestimmten Gesichtspunkten der NS-Zeit auseinandersetzen, wie etwa indirekt Hoffmann (1974), Hopf, Holtmeyer (1975) und Jenne (1977), sowie in direkter Weise Günther (1967), Hodek (1977) und Kolland (1979). Besonders hervorzuheben ist hierbei Lemmermanns 1984 verfasste Arbeit „Kriegserziehung im Kaiserreich. Studien zur politischen Funktion von Schule und Schulmusik“. Zwar beschränken sich Lemmermanns Ausführungen auf die Zeit von 1890 bis 1918, sie machen jedoch auf „beklemmende Weise deutlich, wie tief die Wurzeln des Dritten Reichs in das 19. Jahrhundert zurückreichen, und wie intensiv seine Schatten bis in unsere Gegenwart hineinreichen.“ (Ulrich Günther, S.86) Dies bestärkt Günthers These vom „durchlaufenden roten Faden“, der sich durch „die Schulmusikerziehung von der Kerstenberg-Reform bis zum Ende des Dritten Reiches“ (Günther, S. 90) und darüber hinaus bis in die zweite Hälfte der 1980er Jahre zog.


Quellen:


Ulrich Günther, Musikerziehung im Dritten Reich - Ursachen und Folgen. Sonderdruck aus: Handbuch der Musikpädagogik, Bd. 1, 1986.