„Entartete Musik“

Aus WikiMusikP
(Weitergeleitet von Entartete Musik)
Wechseln zu: Navigation, Suche

„Entartete Musik“

Seit 1933 wurden „Schandausstellungen“ „entarteter“ Kunst bzw. Musik organisiert. In Anlehnung an eine Ausstellung über „Entartete Kunst“ 1937 in München gab es 1938 in Düsseldorf im Rahmen der von Joseph Goebbels veranstalteten Reichsmusiktage eine Ausstellung über „Entartete Musik“. Die Ausstellung galt als Demonstration des „Undeutschen“. Einer ihrer Initiatoren war Staatsrat Hans Severus Ziegler. Die ausgestellten Noten, Textbücher, Bühnenbilder, Kritiken und Schriften repräsentierten ein abgestorbenes Musikleben und sollten nunmehr tote Objekte darstellen. In mehreren Ausstellungskojen gab es die Möglichkeit, Musikbeispiele – als abschreckende Beispiele – auf Grammophonplatten zu hören. Ernst Kreneks Jonny aus der Oper „Jonny spielt auf“ regte das Titel- und Leitbild der Ausstellung, einen Saxophon spielenden „Neger“ mit affenähnlichen Gesichtszügen und einem Davidstern statt einer Nelke am Revers, an. Ziegler hob die Krenek-Oper als Musterbeispiel für „Entartung“ hervor: „Ein Volk, das dem ‚Jonny‘ nahezu hysterisch zujubelt, ist seelisch und geistig krank geworden und innerlich wirr und unsauber“. Ziegler gestaltete die Schau möglichst abschreckend, um das deutsche Volk wieder auf den „rechten Weg“ zu bringen: Die instinktive Abwehr alles „Fremden“ und „Kranken“. Im Mittelpunkt der Ausstellung standen außerdem die „entarteten“ Komponisten Schönberg, Weill, Krenek, Hindemith und Strawinsky, die auf den Bildtafeln mit verzerrten Gesichtern dargestellt wurden. Für die Veränderungen des deutschen Musiklebens, die von der NS-Regierung als Zersetzung bezeichnet wurden, wurden „fremdrassige“ Einflüsse verantwortlich gemacht. Als noch gefährlicher als das Eindringen der „Negerkultur“ in die deutsche Kunst galt der Einfluss der Juden, die bewusst deutsche Werte verfälscht hätten. Ganz nach dem Vorbild Richard Wagners, der schon 1850 „Das Judentum in der Musik“ am Beispiel von Mendelssohn und Meyerbeer als „verhängnisvoll“ bezeichnet hatte, wurde nun die Atonalität Arnold Schönbergs als jüdischer Angriff auf den „germanischen Dreiklang“ geächtet. Die Listen „unerwünschter musikalischer Werke” richteten sich neben dem antisemitischen Schwerpunkt gegen alle modernen Künstler, die mit der atonalen Zwölftonmusik nach Arnold Schönberg experimentierten, wie zum Beispiel Anton Webern. Komponisten wie Igor Strawinsky, dem eine jüdische Versippung angehängt wurde, und Paul Hindemith wurden ebenso ausgeklammert, wie etwa der sozialkritische Kurt Weill. Verboten wurde außerdem der Jazz und ähnliche sogenannte „Niggermusik”.


Baldur von Schirach hetzte bei der Eröffnung der Ausstellung „Entartete Musik“ im Rahmen der Reichsmusiktage am 24. Mai 1938 in Düsseldorf:

“Was in der Ausstellung ‘Entartete Musik‘ zusammengetragen ist, stellt das Abbild eines wahren Hexensabbaths und des frivolsten, geistig-künstlerischen Kulturbolschewismus dar und ein Abbild des Triumphes von Untermenschentum, arroganter jüdischer Frechheit und völliger geistiger Vertrottelung.”


Georg Schmückle formulierte im Jahre 1942 eine mutige Gegenposition:

“Noch bei keiner Revolution hat sich ein solcher Haufe amusischer Menschen auf die Kunst gestürzt! Menschen, die sich ihr Leben lang nicht um Kunst gekümmert haben, erheben sich zum Kunstrichter, zum Kunstförderer, zum Kunstschützer - mit ihren Mitteln. Sie fahnden nach der nichtarischen Großmutter, wo keine ist, erfinden sie eine - Denunzieren aus Dummheit, aus Schadenfreude, aus Konkurrenzneid oder zum bloßen Vergnügen. ... Es ist nun aber nicht alles Kunstbolschewismus, was man nicht versteht! ... Die nicht wußten, daß Grünewald der große Meister ... ein ‘Expressionist‘ war, haben mit diesem großen Worte große Künstler gejagt; die nicht wissen, daß der große Johann Sebastian Bach atonal war, hetzten mit diesem Worte ernste schöpferische Musiker ... Alles große Neue hat den Menschen von je unangenehm in den Ohren geklungen, erschien ihm atonal.”

Quellen:


Peter Raabe, Die Musik im dritten Reich. Regensburg 1935. In: Fred K. Prieberg, Musik im NS-Staat. Fischer Verlag Frankfurt 1988.

http://www.damals.de