Erfahrungserschließende Musikerziehung

Aus WikiMusikP
Wechseln zu: Navigation, Suche

Rudolf Nykrin

Nykrin, Rudolf, Dr. phil. (geb. 2.8.1947 in Augsburg), absolvierte 1971 das Studium der Schulmusik an der Staatlichen Hochschule für Musik in München. Von 1972 - 1975 wirkte er am Aufbau der "Bielefelder Laborschule" (Projektleitung Hartmut von Hentig) mit, anschließend in der Lehrerausbildung (Pädagogische Hochschule Münster; wissenschaftlicher Assistent, akademischer Rat). Er promovierte über das Konzept einer "Erfahrungserschließenden Musikerziehung". Seit 1982 ist er als Universitätsprofessor am "Orff-Institut" der Universität Mozarteum in Salzburg mit dem Lehrgebiet "Didaktik der elementaren Musikerziehung und der elementaren Komposition" tätig. Von 1982 - 1986, 1992 - 1994, im Wintersemester 1996/97 und von 2000 bis 2003 leitete er das Institut für Musik- und Tanzpädagogik - "Orff-Institut".


Orientierung am Subjekt - Erfahrungserschließende Musikerziehung

Die Schüler sind in der Individualität und Subjektivität ihrer Erfahrungen und ihres Handelns Ausgangs- und Zielpunkt des didaktischen Modells. „ ‚Erfahrung’ können wir auffassen als von einer Person zum individuellen (personalen) Handlungs- und Deutungshintergrund verarbeitete Wahrnehmungen von Reizen, Situationen und Geschehnissen, an denen sie beteiligt war.“ (vgl. Nykrin 1978) Diese gesammelten Erfahrungen der Schüler stehen bei Nykrin im Zentrum des didaktischen Modells. Nykrin stellt den Bezug zu den wahrnehmenden Menschen und zu den Situationen her, in denen Musik für die Menschen Bedeutung erhält. Er möchte die Menschen, die mit Musik umgehen, verstehen. Hierzu müssen ihre musikalischen Erfahrungen aus ihrem musikalischen Handeln kommunikativ und interpretativ erschlossen werden.

Verknüpfung von Erfahrung und Handeln

Nykrin verweist auf den amerikanischen Erziehungsphilosophen John Dewey, indem er das Aktivische, Handelnde der Erfahrung betont. Es ergibt sich eine vierfache Verknüpfung von Erfahrung und Handeln: 1. Erfahrungsgegenstände, also auch Musik, gewinnen ihre subjektive Bedeutung erst im handelnden Umgang mit ihnen. 2. Handeln ist die „aktivische und subjekthafte Komponente des Erfahrens“, „ das Ausprobieren, Versuch – man macht Erfahrungen“ (vgl. Nykrin 1978). 3. Erfahrungen können zum Antrieb des Handelns werden, wenn sie gegenwärtig als bedeutsam erlebt werden und über sich selbst hinaus in die Zukunft weisen. 4. Eigene und fremde Erfahrungen sind nicht unmittelbar am Verhalten eines Menschen ablesbar, sondern bedürfen der Deutung. Das Handeln ist Grundlage dieser Deutung und der Verständigung über Erfahrungen.

Strukturmerkmale des Musikunterrichts

Musikunterricht soll also Erfahrungsdefizite kompensieren. Ein Schüler kann ein sinnbezogenes Verhältnis zu sich selbst, zu anderen Menschen und zur Welt aufbauen, wenn er lernt, wie man selbstbestimmt, zielgerichtet und sinnbezogen handelt. Um dies zu erreichen, sollen vier Strukturmerkmale des Musikunterrichts helfen: 1. Erschließung und Deutung der Schülererfahrungen, 2. Verständigung zwischen Lehrer und Schülern über den Unterricht und seine Ziele, Inhalte und Verfahren, 3. Kompensation von Erfahrungseinschränkungen und –defiziten, 4. Ermöglichung von Handlungsvollzügen (Handlungsorientierung). Rationalität soll Kennzeichen des Handelns eines Schülers sein. Er soll mit der Welt besser umgehen lernen. Dabei hilft ihm ein Selbst- und Weltverständnis, welches er sich durch das eigene, auf Erfahrungen aufbauende Handeln angeeignet hat.

Forderungen an den Musikunterricht

Unterricht soll prüfen, ob musikalische Aktivitäten dazu in der Lage sind, die gesellschaftlichen Verhältnisse und damit die Unterordnung des Einzelnen unter diese zu stabilisieren, bzw. ob sie ein mögliches Wunschbild besserer Verhältnisse unterstützen. Denn: „Unterbleibt dies, gerät das Tun fragmentarisch und ‚blind’ für allgemeine Ziele und Effekte“. Inhalte des Unterrichts werden daher erst im Unterrichtsprozess selbst konkretisiert und von den Beteiligten sozusagen ausgehandelt.

Kritik an der Konzeption

Während Nykrin das subjektive Erfahren und Handeln der Schüler als Prozess in den Blick nimmt, bleiben die Ziele und Inhalte der Erfahrung und des Handelns unbestimmt. Doch können keine Ziele und Inhalte des Unterrichts festgehalten werden, wenn allgemeine Ziele und Effekte des Handelns nicht näher bestimmt worden sind.

Literatur

  • Dewey, John (1964): Demokratie und Erziehung. Eine Einleitung in die philosophische Pädagogik (1916), 3. Aufl., Braunschweig usw.
  • Jank, Werner (2005): Musikdidaktische Modelle. Orientierung am Subjekt: Erfahrungserschließende Musikerziehung. In: Jank, Werner (Hrsg.): Musik-Didaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. Berlin: Cornelsen 2005. S. 51-53.
  • Nykrin, Rudolf (1978): Erfahrungserschließende Musikerziehung. Konzepte – Argumente – Bilder, Regensburg: Bosse.