Fächerübergreifender Musikunterricht

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Fächerübergreifender Unterricht

Grundlagen

Fächerübergreifender Unterricht hat seit den 1990er Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Nicht nur in der allgemeinen Didaktik, auch in den Lehrplänen und in bildungspolitischen Empfehlungen findet sich seit Jahren immer häufiger die Forderung, fächerübergreifend zu unterrichten. Der Begriff „Fächerübergreifender Unterricht“ meint eine Unterrichtsform, die gezielt die Grenzen einzelner Fachperspektiven überschreitet. Sie erweitert und ergänzt den Fachunterricht, ohne ihn auflösen zu wollen.

Die Themen des fächerübergreifenden Unterrichts orientieren sich nicht an der Fachsystematik, sondern an Problemen der Lebenswelt und an den Interessen und Fragen der Schüler. Dadurch werden die Grenzen der Fächer überschritten, und andere Fächer sowie Fachbereiche, die nicht als Schulfächer existieren, einbezogen. Fächerübergreifender Unterricht bedeutet nicht lehrerzentrierte Vermittlung tradierten Wissens, sondern gemeinsames Erforschen neuer Zusammenhänge. Fächerübergreifender Unterricht bedarf einer intensiven Kooperation und Kommunikation der Lehrer untereinander und mit den Schülern, wobei auch Lehrer Lernende und Schüler Lehrende sein können. Er erscheint geeignet, die überkommenen und überholten Kommunikationsstrukturen der traditionellen Schule zu verändern.

Ganzheitliches Lernen, Handlungs- und Projektorientierung sowie Selbsttätigkeit und Selbständigkeit sind wesentliche Merkmale eines solchen Unterrichts. Er kann Freiräume für musikalische Gestaltung und Kreativität schaffen. Fächerübergreifender Unterricht strebt als Ergebnis konkrete Produkte an, deren Präsentation und die Vermittlung an andere sind wichtige Bestandteile des Unterrichts.

Schülerorientierung und Wandel der Lehrerrolle

Ein grundlegendes Kriterium für die Konzeption des fächerübergreifenden Unterrichts ist die Schülerorientierung. Damit ist nicht nur eine Orientierung an den Erfahrungen und Interessen der Schüler gemeint. Vielmehr können die Schüler ihre Fähigkeiten und Begabungen einbringen und zeitweise die Rolle des Lehrenden oder Fachspezialisten übernehmen. Sie sollen ihren Lernprozess als aktiv lernende Subjekte mitgestalten.

Fächerübergreifender Unterricht favorisiert die Selbstständigkeit der Schüler. Daher kann auch ohne die Kooperation mit anderen Fachlehrern fächerübergreifend gearbeitet werden. Es ist davon auszugehen, dass Schüler der Sekundarstufen viele Kenntnisse und Fähigkeiten mitbringen, die sie in anderen Fächern oder außerhalb der Schule erworben haben.

Die Rolle des Lehrers ändert sich in dem Maße, wie er seine Monopolstellung bei Planung, Information, Medieneinsatz, Kontrolle und Beurteilung zu Gunsten der Mitbeteiligung der Schüler relativiert. Der Lehrer ist hier nicht der einzige Fachexperte, der tradiertes Wissen vermittelt. Vielmehr erschließt und erarbeitet er neues Wissen gemeinsam mit den Schülern.

Statt sich nur auf Bekanntes und Bewährtes zu verlassen, sollten Lehrer neugierig und mutig sein, Neues zu erforschen und zu erproben, auch wenn es von anderen kritisiert wird. Sie sollten sich für ein neues Thema interessieren und begeistern können. Vor allem aber sollten sie ihren Schülern mehr zutrauen und ihre selbständigen Leistungen anerkennen, statt immer nur nach Fehlern zu suchen. Lehrer, die sich mit ihren Schülern auf den mühsamen Weg der Veränderung des Musikunterrichts begeben, brauchen eine Vision und die feste Überzeugung, dass es sich lohnt, angesichts einer kritischen Schulsituation innovativ zu sein. In der Praxis des fächerübergreifenden Musikunterrichts können sie eine Fülle von Möglichkeiten finden, musikbezogenes Lehren und Lernen kooperativ und kommunikativ, schülerorientiert und lebensbezogen, motivierend und interessierend, Lernfreude und Freude an der Musik erzeugend, zu gestalten.

Schul- und Unterrichtsreform

Fächerübergreifender Unterricht ist in unserem fachlich geprägten Schulsystem eigentlich gar nicht vorgesehen. Er entsteht meist aus einer Kritik am traditionellen Fachunterricht. Hier werden komplexe Probleme häufig auf die Sicht eines Faches reduziert. Vor allem aber werden die Erfahrungen, Fragen und Interessen der Schüler selten berücksichtigt. Diese führen meist über die Fachgrenzen hinaus.

Fächerübergreifender Unterricht ist ein Mittel zur Veränderung des traditionellen Fachunterrichts und der fachlich geprägten Strukturen der allgemein bildenden Schule. Er kann daher auch zur Innovation des Musikunterrichts beitragen. Doch zunächst ein Blick in die Geschichte der Reformpädagogik: Fächerübergreifender Unterricht findet sich in nahezu allen reformpädagogischen Konzepten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Diese sind durch das Prinzip der Integration miteinander verwandt. Fast alle heben die Grenzen zwischen den Fächern auf. Fächerübergreifender Unterricht ist häufig nicht das eigentliche Ziel der Veränderung. Meist ist er ein Mittel zur Erreichung des Ziels oder eine Folge aus ihm.

Die Motive für fächerübergreifenden Unterricht lassen sich unter dem Grundgedanken des ganzheitlichen Lernens zusammenfassen: eine „Pädagogik vom Kinde aus“, das „Lernen mit Kopf, Herz und Hand“, die „demokratische (Mit)gestaltung der Schule und ihre Ausgestaltung als Gesellschaft im Kleinen“ sowie die „Wahrung des Zusammenhangs des Lernens“. Daneben ist das problemorientierte Lernen, wie es in der Pädagogik John Deweys vorgezeichnet ist, eine Zielvorstellung des fächerübergreifenden Unterrichts.

Die Geschichte der Musikpädagogik zeigt ein ständiges Ringen um die „Identität des Faches Musik“ und seine Gleichberechtigung im Fächerkanon. Als das Schulfach Musik in den 1920er Jahren entstand, war es von vornherein sowohl fachlich als auch fächerübergreifend angelegt. Dadurch sollte das neue Fach Musik aus seiner Isolation befreit und damit aufgewertet werden. In musikpädagogischen Konzeptionen der 1970er Jahre finden sich Ansätze fächerübergreifenden und projektorientierten Unterrichts sowie Veränderungen der Lehrer- und Schülerrolle. Damit verbunden ist meist eine Kritik am ausschließlichen Fachunterricht.

In den 1990er Jahren findet in Theorie und Praxis ein Wandel der Lernkultur statt. In praxisorientierten Unterrichtskonzepten sowie zahlreichen Reformschulen bekommen die reformpädagogischen Ideen eine neue Aktualität. Zahlreiche Veröffentlichungen wie das Buch „Schule kann gelingen“ von Enja Riegel (2004) oder der Film „Treibhäuser der Zukunft“ von Reinhard Kahl (2005) zeigen uns, wie die Schule der Zukunft, eine Schule des Lebens und Lernens für die Schüler gestaltet werden könnte. Dabei tritt fächerübergreifender Unterricht fast immer als Element der Schul- und Unterrichtsreform in Erscheinung.


Fächerübergreifender Musikunterricht

Entstehung der Konzeption

Die Konzeption des fächerübergreifenden Musikunterrichts ist aus der Praxis entstanden. Seit vielen Jahren habe ich mich mit dem fächerübergreifenden Unterricht beschäftigt, und aus der Sicht des Faches Musik seine Geschichte, seine Rolle in der Schule früher und heute erforscht (Dethlefs-Forsbach 2005). Während ich in der Theorie den fächerübergreifenden Unterricht erforschen wollte, ging es mir in der Praxis darum, meinen Musikunterricht zu verbessern, zu verändern, schülergerechter zu machen. Meine Forschungen in Theorie und Praxis gingen von der Grundfrage aus: „Wie kann das Fach Musik durch die Zusammenarbeit mit anderen Fächern Identität erfahren und gleichzeitig reformpädagogischen Ansprüchen genügen?“

Offenbar eignet sich das Fach Musik besonders gut für fächerübergreifenden Unterricht. In vielen fächerübergreifenden Projekten anderer Fächer spielt Musik eine große Rolle. Nur im Musikunterricht der Sekundarstufen hat sich das fächerübergreifende Arbeiten noch nicht umfassend durchgesetzt. Meine Sammlung von Beispielen aus der Schulpraxis enthält interessante Anregungen für den fächerübergreifenden Unterricht mit Musik, die nicht selten aus anderen Fachbereichen kommen. Viele Projekte habe ich in meinem eigenen Unterricht erprobt, teilweise auch in Kooperation mit Lehrern anderer Fächer.

Mit „Fächerübergreifender Musikunterricht“ benenne ich fächerübergreifenden Unterricht, an dem das Fach Musik beteiligt ist. Mit der Wahl dieser Bezeichnung möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass fächerübergreifender Unterricht mit Musik möglichst nicht ohne Beteiligung des Faches Musik stattfinden sollte, da sich sonst das Fach Musik im Fächerkanon der allgemeinbildenden Schule überflüssig macht.

Meine Konzeption des fächerübergreifenden Musikunterrichts (Forsbach 2008) stellt noch kein Gesamtkonzept von Musikunterricht dar, aber aus ihren Merkmalen ergibt sich ein innovatives Konzept für den Musikunterricht in der Schule der Zukunft.

Die Rolle des Faches Musik in der Schule der Zukunft

Spätestens seit TIMSS (1997) und PISA (2001) wird auch über Bildungsstandards und Basiskompetenzen diskutiert. Bildung wird zunehmend einseitig unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet. Und nun scheint das Fach Musik nicht mehr selbstverständlich im Fächerkanon der allgemein bildenden Schule verankert zu sein. Die Formulierung von Bildungsstandards im Fach Musik, die Rückkehr zu einem traditionellen Werkkanon oder die Betonung des musikalischen Lernens in Bläser- oder Streicherklassen dürften hier wenig hilfreich sein. Eine Legitimation des Faches Musik aufgrund der traditionellen fachlichen Inhalte erscheint zunehmend fragwürdig.

Denn obwohl der Musikunterricht in Deutschland vielerorts hohen fachlichen Ansprüchen genügt, findet er wenig Anklang. Obwohl viele Musiklehrer auf hohem künstlerischen Niveau ausgebildet sind, können sie die Schüler im Musikunterricht nicht begeistern. Immerhin gehört das Schulfach Musik seit Jahrzehnten zu den unbeliebtesten Fächern, während Musik im Leben von Kindern und Jugendlichen doch eine große Bedeutung hat.

Wie kann der Anspruch der Schülerorientierung in einem Musikunterricht verwirklicht werden, der die Schüler nicht nur begeistert, sondern ihnen auch musikalisches Wissen und Können vermittelt? Christoph Schönherr (2005) hat bereits eine Antwort gegeben, indem er das Klassenmusizieren als wesentlichen Bestandteil des Musikunterrichts, vielleicht sogar anstelle des „eigentlichen Musikunterrichts“ propagiert. Was aber ist der „eigentliche Musikunterricht“, welche Kompetenzen soll er vermitteln? Wo bleiben Musikwissen, Musikhören, Kenntnisse über Musikgeschichte u. a., wenn nur noch musiziert wird? Vieles kann im fächerübergreifenden Musikunterricht von den Schülern selbständig erarbeitet werden. Ich stimme Schönherrs Thesen über die Bedeutung des Klassenmusizierens und des eigenen aktiven Umgangs mit Musik zu. Darüber hinaus plädiere ich dafür, umfassende fächerübergreifende Projekte durchzuführen, entweder im Musikunterricht oder in Kooperation mit anderen Fächern.


Merkmale des fächerübergreifenden Musikunterrichts

Ausgangspunkte

Schülerorientierung: Fächerübergreifender Unterricht orientiert sich an den Erfahrungen und Interessen der Schüler. Diese können ihre Fähigkeiten und Begabungen einbringen und zeitweise die Rolle des Lehrenden oder Fachspezialisten übernehmen. Die Schüler sollen ihren Lernprozess als aktiv lernende Subjekte mitgestalten.

Lebensweltbezug: Fächerübergreifender Unterricht orientiert sich am Zusam-menhang der Dinge im wirklichen Leben, er sollte den lebensweltlichen Zugang zu Problemen berücksichtigen.

Problemorientierung: Fächerübergreifender Unterricht geht von gesellschaft-lich relevanten Problemen mit Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung aus.

Arbeitsformen

Ganzheitliches Lernen: Fächerübergreifender Unterricht bemüht sich um die Aktivierung vieler Sinne und um die Verbindung des kognitiven, emotionalen und praktischen Lernens. Fächerübergreifender Unterricht fördert das Denken in Zusammenhängen.

Selbstbestimmtes Lernen: Fächerübergreifender Unterricht fördert die Selbständigkeit und Selbstverantwortung der Schüler für ihren Lernprozess und ermöglicht soziales Lernen durch Veränderung der Lehrer-Schüler-Rollen.

Handlungsorientiertes Arbeiten: Fächerübergreifender Unterricht öffnet sich für unmittelbare Erfahrungen und ermöglicht aktiv handelndes Lernen anstelle von passiv kognitiver Belehrung.

Wissenschaftspropädeutisches Arbeiten: Fächerübergreifender Unterricht erfordert wissenschaftliches Verständnis. Selbständiges Lernen und Forschen setzt gesicherte Fachkenntnisse voraus und führt zu einer Erweiterung des Fachwissens hin. Im fächerübergreifenden Unterricht können Schüler Formen wissenschaftlichen Arbeitens lernen.

Zielhorizonte

Produktorientierung: Fächerübergreifender Unterricht strebt konkrete Pro-dukte an, die mehr sind als ein kognitiver Lernzuwachs in den Köpfen der Schüler. Die Produkte können einen Gebrauchs- oder Mitteilungswert für andere haben und sollen auch über die Schwierigkeiten des Lern- und Arbeitsprozesses informieren.

Kommunikative Vermittlung: Für den fächerübergreifenden Unterricht sind Präsentation und Vermittlung der Produkte nach außen bedeutsam. In der ab-schließenden Präsentation gibt es die Gelegenheit zum Resümee. Es können Arbeitsergebnisse diskutiert, Fragen gestellt und Fragmente zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden. Dies hat eine hohe Bedeutung für die Ergebnissicherung.


Themenbereiche für den fächerübergreifenden Musikunterricht

Themenbereich 1: Musisch-künstlerische Darstellungs- und Gestaltungsformen

- Gestalten und Spielen (z. B. Produktion eines Liedes, Tanzgestaltung)

- Darstellen und Gestalten (z. B. Schattenspiel, Szenische Gestaltung von Liedern)

- Ästhetisches Erfahren und Wahrnehmen (z. B. Improvisation zu moderner Kunst; Malen zu Musik)

Themenbereich 2: „Musik und …“ – was schon immer fachübergreifend war

- Musik und Theater (z. B. Oper, Operette, Musical)

- Musik und Sprache (z. B. Balladen, Kunstlied)

- Musik und Kunst (z. B. Bilder einer Ausstellung)

- Musik und Film (z. B. Filmmusik zu Hitchcocks Psycho)

- Musik und Politik (z. B. Revolutionslieder)

Themenbereich 3: Fächerverbindende historische und kulturelle Themen

- Kulturgeschichte (z. B. Barock; das Universalgenie Leonardo da Vinci; E. T. A. Hoffmann als Dichter, Zeichner und Musiker)

- Historische Ereignisse (z. B. Musik im Nationalsozialismus; Entstehung der Rockmusik; Folksongbewegung der USA)

- Europäische und außereuropäische Kulturen (z. B. Geschichte des Jazz; Musik aus Afrika; Spanische Musik)

- Kulturelles Leben (z. B. Jugendkulturen; Karnevalsmusik; Musik in den Medien; Freizeitgestaltung)

Themenbereich 4: Fächerübergreifende bzw. fachunabhängige Themen

- Allgemeine Grunderfahrungen des Menschen (z. B. Liebe, Trauer, Stille, Abschied; Zeit; Natur)

- Epochaltypische Schlüsselprobleme (z. B. Musik und Gewalt; Frieden; Umweltschutz; Völkerverständigung)

- Allgemeine fächerübergreifende Fähigkeiten (z. B. Analyse; Gestaltung einer Präsentation; Recherche und Informationsverarbeitung)


Methoden und Arbeitsformen

- Projektunterricht, Lernen in Gruppen, Freiarbeit und Offener Unterricht, themenzentrierte Interaktion, ganzheitliches Lernen, selbstbestimmtes Lernen, handlungsorientiertes Arbeiten, Lernen in Zusammenhängen

- Erstellen konkreter Produkte, kommunikative Vermittlung in der Präsentation, musisch-künstlerische Präsentationsformen, Gestaltung des Schullebens und Öffnung von Schule

- Selbständiges Lernen und Forschen, entdeckendes Lernen, wissenschaftspropädeutisches Arbeiten

- Musisch-künstlerische Darstellungs- und Gestaltungsformen, praktisches Lernen, Musikmachen, Szenische Interpretation

Organisationsformen

- Fachunterricht in Musik oder einem anderen Fach

- Koordination mehrerer Fächer (u. a. Klassenlehrer- oder Jahrgangsteam)

- Kurse für fächerübergreifenden Unterricht und Projekte

- Differenzierungsbereiche und Profile

- Klassen-, Jahrgangs- und Schulprojekte

- Exkursionen, Studienfahrten

- Projekt- und Studientage

- Arbeitsgemeinschaften


Fächerübergreifender Musikunterricht in der Praxis

Fächerübergreifender Musikunterricht bedeutet, Neues, Ungewisses, Unklares oder auch Altbekanntes unter neuen Aspekten gemeinsam mit Schülern zu erarbeiten. Dazu müssen neue Wege des Lernens und Lehrens gesucht werden, dabei ändern sich die Rollen der Beteiligten und die Beziehungen untereinander. Das möchte ich anhand der „Jazzband-Metapher“ (nach Burow 1999) erläutern:

In einer Jazzband musizieren unterschiedliche Personen, die mit ihren speziellen Instrumenten über ein gemeinsames Thema improvisieren. Jeder bringt seine individuellen Fähigkeiten ein und wenn es gelingt, aufeinander zu hören und sich synergetisch zu ergänzen, dann kann etwas Neues entstehen. Wenn Jazzmusiker sich zur „Jam Session“ treffen, wollen sie nicht altbekannte Stücke nach Noten spielen, sondern sie möchten Neues schaffen, und sie spielen, als täten sie das zum ersten Mal. Dabei lernen sie sich kennen und schätzen. Durch die musikalische Kommunikation und auch durch den Beifall der Zuhörer während des Stückes werden sie motiviert, immer neue Varianten zu erfinden. Und so entsteht aus einem altbekannten Thema ein ganz neues Musikstück.

Von der Kunst der Jazzimprovisation lassen sich Strategien für eine Innovation des Musikunterrichts ableiten. Fächerübergreifender Musikunterricht greift oft bekannte Themen auf, er orientiert sich dabei jedoch nicht an der Fachsystematik, sondern an den Erfahrungen, Interessen und Fragen der Schüler. Verlauf und Ergebnisse des Unterrichts sind nicht im voraus klar bestimmbar. Fächerübergreifender Musikunterricht hat daher in gewisser Hinsicht experimentelle Züge und enthält, mehr als herkömmlicher Musikunterricht, Momente der Unwägbarkeit. Wenn Lehrer und Schüler sich dem Dialog öffnen und die Kunst des gemeinsamen Improvisierens erlernen, kann Kreativität gefördert, kann der Musikunterricht verändert und verbessert werden.

Das bedeutet: Der Lehrer erkennt die Schüler als gleichberechtigte Partner bei der Planung und Durchführung des Unterrichts an. Er wird möglicherweise selbst zum Lernenden, der sich mit dem Expertenwissen seiner Schüler auseinandersetzen muss. So können Synergieteams entstehen, die durch gegenseitige Anregung und Unterstützung etwas Neues hervorbringen. Ähnlich den Kreationen der Jazzband entstehen im Unterricht Produkte, die mehr sind als ein kognitiver Lernzuwachs in den Köpfen der Schüler. Etwas zu gestalten, was andere interessieren kann, ihnen etwas zu präsentieren und zu vermitteln, das motiviert zum phantasievollen, selbständigen Arbeiten und Lernen.


Planungsmodell

Wenn der Unterricht in Zusammenarbeit mit mehreren Fächern bzw. Fachlehrern stattfindet, kann er nach dem folgenden Phasenmodell geplant werden:

Phase der Konvergenz: Eine Klasse bzw. ein Kurs plant (z.B. im Musikunterricht) ein fächerübergreifendes Projekt. Es wird überlegt, welche Fächer bzw. Fachlehrer an dem Projekt beteiligt werden könnten. Es finden ein oder zwei Projekttage zusammen mit den Lehrern für Musik und andere Fächer statt, um anhand des Oberthemas zu klären, was bearbeitet werden soll.

Phase der Divergenz: Die Fächer arbeiten einige Zeit getrennt. Die Unterrichtsstunden der beteiligten Fächer werden für die Projektarbeit und für notwendige fachliche Vertiefungen genutzt. Im Musikunterricht werden musikalische Aspekte des Themas erarbeitet, wobei die Umgangsweisen „Musik hören“, „Musik machen“ und „Musikwissen erwerben“ vorkommen. Die Projektgruppen werden bei Bedarf von den jeweiligen Fachlehrern beraten.

Phase der Konvergenz: Die Ergebnisse des Fachunterrichts werden an einem Projekttag vorgestellt und zu einem gemeinsamen Ergebnis zusammengeführt.

Wenn eine Zusammenarbeit mit anderen Fachlehrern nicht möglich ist, bietet sich ein modifiziertes Planungsmodell an:

Phase der Konvergenz: Eine Klasse bzw. ein Kurs plant im Musikunterricht ein fächerübergreifendes Projekt. In einer kooperativen Planungsphase wird anhand des Oberthemas geklärt, was bearbeitet werden und welches Ziel die Arbeit haben soll.

Phase der Divergenz: Die Gruppen arbeiten einige Zeit getrennt an ihren Themen. Dabei werden Aspekte ver-schiedener Fächer und fächerübergreifende Fragestellungen bearbeitet. Einzelne Schüler bringen ihre schulisch oder außerschulisch erworbenen Fachkenntnisse in die gemeinsame Arbeit ein. Lockere Kooperationen mit anderen Fächern sind möglich.

Phase der Konvergenz: Die Ergebnisse der Gruppenarbeit werden in einer Präsentation vorgestellt und zu einem gemeinsamen Ergebnis zusammengeführt. Anschließend erfolgen Bewertung und Ergebnissicherung.

Projektlernen

Die Konzeption des fächerübergreifenden Musikunterrichts schließt die Projektorientierung ein. Die Unterrichtsform des Projekts bietet sich an, um die Fragen, Wünsche und Fähigkeiten der Schüler einzubeziehen. Sie verbindet die Interessen der Beteiligten mit den durch den Lehrplan vorgegebenen Lerninhalten, ermöglicht aber auch, aktuelle Themen zu bearbeiten. Ein wichtiges Merkmal der Projektarbeit ist es, die Selbstorganisation und Selbstverantwortung der Schüler hinsichtlich der Planung des gemeinsamen Lernprozesses zu fördern und selbstbestimmtes Lernen zu ermöglichen. Eine zielgerichtete Projektplanung und die Bedingung, das Gelernte als Produkt zu präsentieren, lassen die Schüler individuelle Fähigkeiten einbringen, die in der Schule sonst nur selten zum Tragen kommen. Das fördert die Motivation ganz beträchtlich.

Im Musikunterricht gibt es auch fachbezogene Formen von Projektunterricht sowie fächerübergreifenden Unterricht, der nicht als Projekt organisiert ist. Manchmal werden Unterrichtseinheiten als Projekt bezeichnet, die zwar fächerübergreifend, aber nicht schüler- und handlungsorientiert sind. Die von mir entwickelten Unterrichtsmodelle bezeichne ich daher als fächerübergreifenden Projektunterricht.

Die Unterrichtsphasen orientieren sich an den Phasen des Projektunterrichts:

Vorbereitungs- und Einstiegsphase: Die Vorplanung des Lehrers erfolgt mit Hilfe einer Projektskizze und der Zusammenstellung von Materialpaketen. Der Einstieg in die Thematik erfolgt in einem offenen Unterrichtsgespräch.

Planungsphase: Die Planung in der Klasse und in den Arbeitsgruppen erfolgt nach der Methode der kooperativen Projektplanung. In einer kreativen Ideensammlungs- und Assoziationsphase werden Aspekte des Themas sowie Fragen und Interessen der Schüler gesammelt. Diese werden zu thematischen Schwerpunkten zusammengefasst. Es folgen Themenwahl, Gruppenbildung und Gruppenplanung.

Durchführungsphase: In dieser Phase müssen die einzelnen Arbeitsgruppen selbständig Informationen und Material beschaffen, auswerten und bearbeiten. Die Produkte der Projektarbeit werden erstellt.

Präsentationsphase: In der Präsentation der Arbeitsergebnisse sollen sich Gebrauchs- und Mitteilungswert der Produkte erweisen, deren kommunikative Vermittlung bedeutsam ist. Dabei werden alte und neue Medien sowie musisch-künstlerische Darstellungs- und Gestaltungsformen eingesetzt.

Auswertungsphase: Hier erfolgt die Bewertung der Produkte und ihrer Präsentation sowie des individuellen Arbeitsprozesses. Die Dokumentation der Arbeitsergebnisse dient zur Ergebnissicherung in der Klasse, vielleicht auch zur Information der Schulöffentlichkeit.

Dieses Planungsmodell werde ich im Hinblick auf die praktische Umsetzung noch weiter erläutern und dazu methodische Tipps und praktische Hilfen geben (Forsbach 2009).


Schlusswort und weiterführende Fragen

Wenn sich der Musikunterricht durch fächerübergreifende Projekte und Formen des Klassenmusizierens verändert, können Jugendliche ein verändertes Verhältnis zur Musik bekommen und vom Musikunterricht für ihr Leben außerhalb der Schule profitieren. Fächerübergreifender Musikunterricht, der sich den Interessen der Schüler öffnet, Bezug zu ihrer Lebenswelt hat und sich an für sie wichtigen Problemen orientiert, nimmt an Ansehen bei den Schülern und deren Eltern zu und wird im Rahmen der Schule wichtiger, zumal wenn er in das Schulleben hinein wirkt. Durch die Kooperation mit anderen Fächern und die damit verbundene fächerübergreifende Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern rückt die Bedeutung des Faches Musik im Fächerkanon der Sekundarstufen stärker ins Bewusstsein aller am Schulleben Beteiligten. Dadurch gewinnt das Fach Musik Identität im Zusammenspiel der Fächer.

Dieser Artikel möchte Ihnen Mut machen, gemeinsam mit Ihren Schülern in unbekannte musikpädagogische Landschaften zu reisen, um Neues zu entdecken. Und wie der fächerübergreifende Musikunterricht gelangt auch dieser Artikel am Ende nicht zu klaren Ergebnissen, sondern zu neuen Fragen: Warum tun sich viele Lehrer mit schülerorientierten Unterrichtsformen so schwer? Welche Projekte eignen sich besonders gut für die Realisierung? Ist diese Schülerorientierung auch in anderen Formen des Musikunterrichts, etwa beim Klassenmusizieren oder beim Musikhören möglich? Ihre Ideen und Erfahrungen, liebe Leser, können zur weiteren Entwicklung einer kommunikativen, schülerorientierten und lebensweltbezogenen Musikdidaktik beitragen.

Literatur

Burow, Olaf-Axel: Die Individualisierungsfalle. Kreativität gibt es nur im Plural. Stuttgart 1999

Dethlefs, Beate: Fächerübergreifender Unterricht. Basisartikel. In: Musik und Unterricht 33/1995, S. 4-8

Dethlefs-Forsbach, Beate: Musikunterricht in der Schule des Lebens und Lernens In: PÄD Forum: Unterrichten erziehen 2/2004, S. 119-125

Dethlefs-Forsbach, Beate: Fächerübergreifender Unterricht aus der Sicht des Faches Musik. Eine historisch-systematische Untersuchung von Theorien und Praxen sowie der Entwurf eigener Modelle und einer Konzeption des fächerübergreifenden Unterrichts mit Musik. Baltmannsweiler 2005

Dethlefs-Forsbach, Beate: Fächerübergreifender Unterricht mit Musik. Praxiserprobte Modelle schülerorientierten Musikunterrichts. In: Pfeiffer, Wolfgang; Terhag, Jürgen (Hg.): Musikunterricht heute 6. Schülerorientierter Musikunterricht - Wunsch und Wirklichkeit. Lugert Verlag 2006, S. 85-99

Forsbach, Beate: Fächerübergreifender Musikunterricht. Ansätze zu einer schülerorientierten Didaktik. Basisartikel. mip-journal 17/2006, S. 6-11 Online-Ausgabe: [1]

Forsbach, Beate: Fächerübergreifender Musikunterricht. Konzeption und Modelle für die Unterrichtspraxis. Augsburg 2008

Forsbach, Beate: Projektlernen im Musikunterricht. Grundlagen, Beispiele und Hilfen für die Praxis. Augsburg 2009

Kahl, Reinhard: Treibhäuser der Zukunft. Wie in Deutschland Schulen gelingen. Archiv der Zukunft, 3 DVDs und Begleitbuch. 2. Aufl., Weinheim 2005

Riegel, Enja: Schule kann gelingen. Wie unsere Kinder wirklich fürs Leben lernen. 2. Aufl., Frankfurt 2004

Schönherr, Christoph: Klassenmusizieren. Plädoyer für eine sinn-erfüllte Musikpraxis. In: mip journal 14/2005, S. 6-11


Websites:

http://www.forsbach-musik.de/

http://www.faecheruebergreifender-musikunterricht.de/

http://www.faecheruebergreifender-unterricht.de/