Handlungsorientierter Musikunterricht

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Handlungsorientierter Musikunterricht

Das auf reformpädagogischen Traditionen beruhende Modell des handlungsorientierten Musikunterrichts spiegelt die Sozialforschung der 1970er Jahre wider und wurde damals zum Inbegriff aktueller Unterrichtsgestaltung. Im Sinne der Konzeption hat handlungsorientierter Unterricht die Aufgabe, den Schülerinnen und Schülern sinnvolles Handeln zu ermöglichen. Die Unterrichtsthemen sollen für die Schülerschaft eine positive Bedeutung haben bzw. in ihrer Bedeutung einsichtig sein.


Rauhe/Reinecke/Ribke – Hören und Verstehen

Im Konzept des Handlungsorientierten Musikunterrichts von Rauhe, Reinecke und Ribke wird Musik als eine Folge von Handlungsvollzügen verstanden, die sich auf verschiedenen Kommunikations- und Verstehensebenen abspielt. Nicht das Musikwerk als „Gegenstand“ steht im Mittelpunkt des Unterrichts, sondern der lebendige, handelnde, gleichermaßen kognitive, affektive und psychomotorische Umgang mit ihm.

Dem Konzept liegt ein interdisziplinärer Forschungsansatz zugrunde, welcher zwei zentrale Aspekte aufweist, die als „Bindeglieder“ zwischen den einzelwissenschaftlichen Ansätzen fungieren sollen: Kommunikationstheorie und Hermeneutik. Der kommunikationstheoretische Gesichtspunkt sieht Musik als Prozess; als eine „Spielart“ kommunikativen Verhaltens. Die Autoren setzen Musik und Sprache miteinander gleich und erläutern, dass sich musikalische Kommunikation analog der verbalen Sprache verhalte. Während die kommunikationstheoretischen Überlegungen vorrangig auf den Prozess des „Hörens“ Bezug nehmen, wird mit Hilfe der Hermeneutik der Prozess des „Verstehens“ geklärt. Die Autoren begreifen Hermeneutik als einen kommunikativen Dialog zwischen Objekt (Musikwerk) und Subjekt (Schüler).

Die diesem Konzept zugrunde liegende Handlungstheorie bildet einen Gegenpol zur Verhaltenstheorie. Im Gegensatz zur Verhaltenstheorie wird der Mensch bei der Handlungstheorie nicht als ein auf äußere Reize reagierendes Subjekt angesehen, sondern als handelnde Person, die einen Willen besitzt und ihre Wünsche und Ziele reflektiert. Die Begriffe 'Handeln' oder 'Handlung' leiten sich von 'Hand' bzw. 'Handhaben' her, womit das Gestalten mittels körperlicher Tätigkeiten im umfassenden Sinne gemeint ist. Musik selbst kann als eine Folge von Handlungsvollzügen verstanden werden, da die klangliche Realisierung von musikalischen Vorstellungen und Intentionen an die Ausführungen von psychomotorischen, kognitiven und affektiven Vorgängen gebunden ist

Hörinteresse und Hörverständnis sind von der Zahl der Handlungsmöglichkeiten abhängig, die einem Schüler im Laufe seiner Entwicklung eingeräumt werden. Wenn Musikhören auf Musikverstehen zielt, muss es sich für den Schüler mit musikalischen Aktivitäten verbinden. Dieses musikalische Handeln muss im Zusammenhang mit kommunikativen und interaktiven Prozessen gesehen werden. Hören und Verstehen werden als mehrdimensionale Prozesse aufgefasst, die über den eindimensionalen Bezug zwischen dem einzelnen Hörer und dem durch Analyse seiner musiktheoretischen oder musikgeschichtlichen Voraussetzungen zu erschließenden Musikwerk hinausgehen.

Im Konzept des Handlungsorientierten Musikunterrichts werden verschiedene Rezeptionskategorien aus den Bereichen des unbewussten sowie des bewussten Hörens beschrieben. Die verschiedenen Verstehenskategorien werden dem rudimentären, dem ein- und dem mehrdimensionalen Verstehen zugeordnet, aus denen insgesamt neun didaktische Kategorien abgeleitet werden.


Didaktische Kategorien

Die drei zentralen Kategorien der Konzeption sind Handlungs-, Kommunikations- und Interaktionsbezogenheit. Die Kategorien vier bis neun können als Ergänzung zu den ersten drei Kategorien verstanden werden.


1. Handlungsbezogenheit: der kognitiven Musikbetrachtung wird ein Lernprinzip der Selbsterfahrung gegenüber gestellt

2. Interaktionsbezogenheit: Dimension der Gruppe, Einfluss der Gruppe auf den Verstehensprozess des Einzelnen und umgekehrt

3. Kommunikationsbezogenheit: Dialog zwischen Subjekt und Objekt

4. Metastufigkeit: Meta-Kommunikation

5. Interdisziplinarität: verschiedene Aspekte, auf die der Unterricht bei Bedarf zurückgreifen soll

6. Relationalität: bezogen auf die Betrachtung von Musikwerken

7. Aktualität: Unterrichtsthemen sollen Bezug zu Leben der Schüler haben, Flexibilität

8. Prozessualität: Prozessorientierung des Unterrichts

9. Kreativität: Zeit und Raum für Kreativität


Kritik

Die Autoren stellen deutlich heraus, dass eine Erziehung zur Selbstständigkeit in der Schule auch praktisch geübt werden muss. Dennoch ist das Konzept vielfach nur verkürzt rezipiert worden. Ein möglicher Grund hierfür mag in dem Versäumnis der Autoren liegen, ihr Konzept adressatengerechter zu formulieren und zu einem praktikablen Modell auszuarbeiten. Die Berücksichtigung aller vielfältigen Aspekte des 36 Fragen umfassenden Planungskatalogs würde eine Unterrichtsplanung für die Lehrkräfte sehr erschweren - vielmehr eignet sich der Katalog für eine Analyse des Unterrichts. Des Weiteren lässt die Konzeption ausreichend Praxisorientierung vermissen. Es wäre wünschenswert, wenn unterrichtspraktische Fragen einen größeren Raum in der Konzeption einnehmen würden. Ein weiterer Kritikpunkt ist eine teilweise schwerverständliche Sprache, wobei auch die begriffliche Klärung in vielen Argumenten im Dunkeln bleibt.


Literatur

Fischer, Wilfried (1991): Die Konzeption eines handlungsorientierten Musikunterrichts (I und II). In: Musik in der Schule. 42. Jahrgang. Heft 2. S. 66-69. Heft 3. S. 130-136.

Helmholz, Brigitta (1995): Musikdidaktische Konzeptionen seit 1945. In: Helms, Siegmund; Schneider, Reinhard; Weber, Rudolf (Hg.): Kompendium der Musikpädagogik. Kassel: Bosse. S. 42-63.

Rauhe, H.; Reinecke, H.-P.; Ribke, W. (1975): Hören und Verstehen. Theorie und Praxis handlungsorientierten Musikunterrichts. München.

Weber, Martin (1997): Musikpädagogik im Zeichen des Pluralismus. Eine Studie zur Geschichte und Gegenwart der bundesdeutschen Musikpädagogik. Hannover: Institut für Musikpädagogische Forschung. (= Institut für Musikpädagogische Forschung, Forschungsberichte Bd. 10)