Potenzial digitaler Medien im Musikunterricht

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Potenzial digitaler Medien im Musikunterricht

Digitalen Medien können allein durch die Bandbreite an Software unterschiedlichste Aufgaben zukommen.In musikpädagogischer Literatur, die den Einsatz von Computern und Apps thematisiert, wird der Computer hauptsächlich als Werkzeug und Arbeitsmittel, zur Gestaltung von Lernaufgaben und als Informations- und Präsentationsmittel beschrieben. Im Folgenden sollen die Möglichkeiten digitaler Medien im Musikunterricht nach den verschiedenen Funktionen aufgelistet werden. Je nach institutionellen und didaktischen Rahmenbedingungen sind die Möglichkeiten für den Einsatz durch Lehrende und/oder den Einsatz durch die Lernenden relevant.


Als Informations- und Präsentationsmittel

Im Musikunterricht werden seit Mitte des letzten Jahrhunderts elektronische Medien eingesetzt. In den vergangenen Jahrzehnten kamen als Informations- und Präsentationsmittel auditive, visuelle und audio-visuelle Medien zum Einsatz. Dazu gehörten traditionelle und elektroni-sche Musikinstrumente, Schallplatten, CDs, Kassetten, DAT und Rundfunk (auditiv); Tafel, Dia, Folie und Lehrbuch (visuell) und Film, Video und Fernsehen (audio-visuell). Matthias Rheinländer verweist mit Blick auf die Tradition im Musikunterricht darauf, dass der Musikunterricht auf technische Medien angewiesen ist, um einige Inhalte überhaupt vermitteln zu können. Mit der Fähigkeit digitaler Medien, sowohl auditive, visuelle, als auch audio-visuelle Inhalte wiederzugeben, verändern sich die Möglichkeiten, Medien als Informations- und Präsentationsmittel im Musikunterricht einzusetzen, enorm.

Verfügbarkeit von Musik und musikbezogenem Wissen

Digitale Audioformate ermöglichen es, Musik ohne Qualitätsverluste zu vervielfältigen und zu verbreiten, was zur Folge hat, dass Musik verschiedenster Stilistiken und Genres für wenig oder kein Geld verfügbar ist. Zusätzlich ist Musik extrem mobil geworden, da es möglich ist, diese mit unterschiedlichsten Geräten wiederzugeben. Obwohl es nach wie vor CDs und DVDs zu erwerben gibt, gewinnen kostenpflichtige Download-Portale wie ITUNES und AMAZON sowie kostenlosen Streaming Dienste wie SPOTIFY und diverse Internet-Radiostationen an Bedeutung. Neben Musik-Diensten sind auch Videoplattformen wie YOUTUBE vielgenutzte Ressourcen, um Musik zu konsumieren. Neben Musik und Musikvideos gibt es auf YOUTUBE auch eine Vielzahl von Tutorials, die verschiedenste Themen wie Instrumentalspiel, spezifische Software oder Komposition behandeln. Was für den Zugang zu Musik gilt, gilt auch für die Wiedergabe. Die Kapazität digitaler Ab-spielgeräte wie beispielsweise mp3-Player, iPods und Smartphones ist so groß, dass ganze CD Sammlungen ohne Probleme transportiert werden können. Mobile Abspielgeräte lassen sich entweder an eine festinstallierte Musikanlage anschließen oder können Inhalte über einen mo-bilen Lautsprecher abspielen. Zusätzlich kann die Musik in Playlists organisiert werden und es kann auf einzelne Ausschnitte schnell zugegriffen werden. Neben Streaming-Diensten, Online-Plattformen, Download-Portalen und Internet-Radios bietet das Internet viele Websites zu verschiedensten musikalischen Themenbereichen. Neben Portalen zu Musiktheorie, Gehörbildung und vielem mehr gibt es auch einige Education-Portale von namhaften Ensembles und Musikeinrichtungen wie u.a. den Berliner Philharmonikern und und dem WDR. So gibt es unzählige Möglichkeiten, um nicht nur Musik, sondern auch Informationen rund um Musik zu erhalten. Durch das inzwischen große Angebot an sehr hochwertigen, teils kostenlosen, teils kostenpflichtigen Streams von Konzerten und Opern ist es möglich, aktuelle und qualitativ hochwertige Aufnahmen im Unterricht zu nutzen. Neben Videoaufnahmen gibt es andere Formen der Visualisierung (z.B. Wellenform der Audiodatei, 3D-Repräsentation), die für ein gelenktes Hören, zur Veranschaulichung und beispielsweise bei der Analyse von Musik nützlich sein können. Auch für Noten und MIDI-Dateien, die beispielsweise in Sequenzern weiterverarbeitet werden können, ist das Internet eine reichhaltige Quelle. Durch den unmittelbaren Zugriff auf die genannten Inhalte wird es Lehrkräften ermöglicht, selbst aktuellste Bands, Lieder, Tendenzen etc. zu berücksichtigen, was mit traditionellen Schulbüchern, CDs und DVDs/Videokassetten nicht möglich war. So ist es möglich, im Falle von Diskussionen oder Fragen, die nach anderen Hörbeispielen verlangen, diese spontan der Klasse zu präsentieren. Digitale Medien können folglich sowohl für die Lernenden als auch die Lehrenden vielseitiges Informations- und Präsentationsmittel sein.

Präsentation von Inhalten

Dies betrifft auch herkömmliche Formen der Präsentation und Ergebnisdokumentation, da sich mit geringem Aufwand digitale Formen der Präsentation (z.B. mit gängigen Office Programmen) oder ganze Websites erstellen lassen. Diese haben den Vorteil, neben Bildern und Texten auch Audiodateien, Videos und Animationen einbinden zu können. Besonders, wenn es um die Präsentation musikalischer Ergebnisse geht, kann eine digitale Präsentationsform sinnvoll sein. Darüber hinaus evozieren Websites möglicherweise ein höheres Identifikationspotenzial, da die Lernenden sich stärker mit dem Ergebnis identifizieren und stolz auf die Veröffentlichung der eigenen Arbeit sind.

Es lässt sich zusammenfassen, dass digitale Medien hinsichtlich ihrer Funktion als Informations- und Präsentationsmittel sowohl für Lehrende als auch für Lernende einige gewichtige Vorteile für den Musikunterricht bieten:

• Download-Portale, Streaming-Dienste und Video-Plattformen bieten Zugriff auf einen großen Fundus verschiedenster Musik, Musikvideos und Konzertmitschnitte

• Musik kann visualisiert werden, wodurch sich Möglichkeiten für gelenktes Hören und zur Veranschaulichung ergeben

• Abspielgeräte sind extrem portabel und haben eine enorme Kapazität, sodass Lehrkräfte sämtliche Musik die sie benötigen, problemlos mit sich führen können und über eine festinstallierte Anlage oder einen portablen Lautsprecher abspielen können

• Musik kann in Playlists organisiert werden, welche bei Bedarf auch in einer „Cloud“ gespeichert und Lernenden zur Verfügung gestellt werden können

• Neben speziellen Education-Websites bietet das Internet eine Vielzahl von Informationsquellen mit Inhalten und Tutorials zu unterschiedlichen musikalischen Themen

• Neue Formen der Ergebnisdokumentation und -präsentation werden möglich. Besonders die Möglichkeit Bilder, Texte, Videos, Audiodateien und Animationen einzubinden, kann nützlich sein

Als Werkzeug und Arbeitsmittel

Seit Ende der 1980er Jahre werden Computer in der musikpädagogischen Literatur als „Hilfsmittel in der täglichen Unterrichtsarbeit“ thematisiert. In vielen Publikationen geht es darum, den Computer als Werkzeug und Hilfsmittel für die Lernenden einzusetzen. Besonders die Möglichkeit, mithilfe des Computers musikalisch gestalterische Tätigkeiten (z.B. Komponieren, Arrangieren) auszuüben, wird häufig genannt. Durch entsprechende Soft- und Hardware kann ein Computer zu unterschiedlichen Werkzeugen werden. So ist es möglich, Musik zu notieren, aufzunehmen, zu bearbeiten, darzustellen bzw. wiederzugeben, zu komponieren, zu improvisieren und den eigenen Übeprozess begleiten zu lassen. Im Folgenden werden Überlegungen aus Publikationen von William I. Bauer, Bernhard Cronenberg, Christoph Miklisch, Christine Wilhelmy und Thomas Wolff zusammengefasst. Auch wenn in den Artikeln teilweise von Computern gesprochen wird, lassen sich viele der Möglichkeiten inzwischen auch auf Tablets und teilweise sogar auf Smartphones übertragen.

Mit dem Computer steht im Musikunterricht ein Werkzeug zur Verfügung, welches es ermöglicht, Lernende unabhängig ihrer jeweiligen Fähigkeiten und Fertigkeiten aktiv gestalterisch tätig werden zu lassen. Wolff und Wilhelmy verweisen darauf, dass instrumentaltechnische Fähigkeiten keine Grundvoraussetzung mehr sind, um dies umzusetzen. Durch neue Technologien ist es möglich, Lernende unmittelbar mit musikalisch gestalterischer Arbeit in Kontakt zu bringen, woraus sich vielseitige Hoffnungen und Möglichkeiten ergeben: Jeder Lernende soll Zugang zur Musik erhalten und dadurch aktiv kreativ tätig sein können. Das führt nach Wolff dazu, dass Konstruktionsleistungen in den Vordergrund rücken, wodurch entdeckendes Lernen an Bedeutung gewinnt. Lernende sollen sich Musik aktiv erschließen, um die Bruchstelle zwischen Theorie und Praxis zu schließen. Theoretische Inhalte wie Noten-, Intervall- und Harmonielehre sowie Kontrapunkt etc. sollen nicht Ausgangspunkt für musikalisches Handeln sein, sondern daran anknüpfen. Auch mit Blick auf den Aufbau kognitiver Schemata ist es sinnvoll, Lernenden unterschiedliche Zugänge und Betrachtungsweisen zu ermöglichen. Indem Lernende nicht in der Rolle der zu Belehrenden sind, sondern aktiv handeln, entdecken, forschen und gestalten, bekommt Theorie eine andere Funktion: Sie wird zu einem Hilfsmittel, um Probleme zu lösen. Und wenn sich theoretische Inhalte aus Fragen ergeben, die im Zuge musikalischen Handelns entstehen, wird der Unterricht problemorientiert. Die dadurch entstehende Selbstwirksamkeit der Lernenden wirkt zusätzlich motivationsfördernd. Wolff äußert die Vermutung, dass durch die technischen Möglichkeiten die Notation für das Musizieren und Komponieren im Unterricht an Bedeutung verliere und der Klang dominanter Parameter werde. Durch das Verschwinden der Notation erwartet Wolff jedoch wiederum eine verstärkte Nachfrage nach Musiktheorie und Notation. Micklisch spricht sich ebenfalls für eine „Reduktion auf Notenspiel durch eine Hinwendung zum Klangspiel und zu explanativer Handhabung“ aus und Bauer bezeichnet grafisch orientierte Musiksoftware für junge Lernende bzw. für ältere Lernende ohne Notenkenntnisse als beste Wahl zum Komponieren. Möglichkeiten, den Computer als besagtes Werkzeug einzusetzen, sind nach Bauer die Bereiche Musizieren, Improvisieren, Komponieren und Arrangieren (auch moderne Formen des Arrangements wie Mashup und Remix). Dafür eignen sich besonders Software-Instrumente, Software-Sequenzer, Software-Studios, Kompositions- und Arrangier-Software sowie diverse Apps.

Computer als Begleiter

Darüber hinaus kann der Computer nicht nur als Instrument und Werkzeug fungieren, sondern auch musikalischer Begleiter sein. Mit der entsprechenden Software lassen sich Begleittracks erstellen, zu denen gesungen oder mit analogen bzw. digitalen Instrumenten musiziert wird. Dadurch lassen sich auch Instrumente einbinden, die sonst in der Klasse nicht verfügbar wären. Außerdem gibt es neben Begleittracks zahlreiche weitere kleine Helfer wie Metronome und Stimmgeräte, die keine zusätzlichen Gerätschaften erfordern. Für Lernende wird es dadurch möglich, innerhalb eines musikalischen Kontexts zu lernen, was von vielen bevorzugt wird. Für Lehrkräfte bieten Begleittracks die Chance, sich verstärkt auf die Arbeit mit der Gruppe zu fokussieren, anstatt mit der Begleitung ausgelastet zu sein. Ferner lassen sich Übungsprozesse ohne großen Aufwand aufzeichnen, was Lernenden und Lehrenden eine andere Grundlage für ein differenziertes Feedback bieten kann.

Musikalische Partizipation für alle

Während ohne Computer Wissen (z.B. die Funktionsweise der Notenschrift) und (instrumentale) Fähigkeiten notwendig sind, bieten Computer alternative, vereinfachte Zugangsweisen zum Musizieren. Micklisch verwendet im Zusammenhang mit (digitalen und analogen) Musikinstrumenten den Begriff der „pädagogischen Ergonomie“ , wonach verschiedene Faktoren wie Handhabung, Erlernbarkeit sowie die Einbindung in Ensemble- und Gruppenarbeit für den Gebrauch im pädagogischen Kontext berücksichtig werden müssen. Besonders vor der Tatsache, dass zahlreiche Produkte und Technologien nicht für den schulischen Gebrauch entwickelt wurden, ist eine Reflexion der pädagogischen Ergonomie besonders wichtig. Im Falle digitaler Medien sind folglich die Eingabegeräte entscheidend, da diese für alle Lernenden handhabbar sein müssen. Micklisch verweist darauf, dass es auch Möglichkeiten zum Eigenbau von Eingabegeräten, auch als Controller bezeichnet, gibt. Beispiele für alternative Steuermöglichkeiten von digitalen Instrumenten sind: Touchscreens (z.B. Tablets, Smartphones), Bewegungscontroller (Steuerung über Videokameras), Lichtcontroller (ein Ultraschallsensor mit Laseroptik reagiert auf Handbewegungen) und Pitch-To-Midi-Converter (Analoge Stimmen oder Instrumente werden in MIDI-Signale umgewandelt). Dadurch wird es möglich, digitale Instrumente durch Bewegungen (Bewegungs- und Lichtcontroller) oder die eigene Stimme bzw. das eigene Instrument zu steuern (Pitch-To-Midi-Converter). Weitere Informationen und Anregungen finden sich bei Micklisch. Alternative Eingabegeräte können dann einen Mehrwert bieten, wenn sie es den Lernenden ermöglichen, die verschiedenen Parameter (z.B. Tonhöhe, Lautstärke usw.) ohne zeitintensives Erlernen bzw. Üben der Steuerung kennen zu lernen.

Kritik am Computereinsatz im Musikunterricht

Im Zusammenhang mit dem Computer als Werkzeug gibt es teilweise Diskussionen um den künstlerischen Wert dabei entstehender Produkte. So gibt es Befürchtungen, die Softwares seien um ein vielfaches intelligenter als die Nutzer, der keine wirkliche Leistung vollbringe. Wolff hingegen hält es für begrüßenswert, wenn Lernende durch solche Tätigkeiten Interesse am Lerngegenstand gewinnen und spricht sich dafür aus, das „spielerische Moment zur Motivation zu nutzen“ . Es wird deutlich, dass der Computer als Werkzeug trotz der vielfältigen Möglichkeiten keinesfalls unumstritten ist. Es ist jedoch nicht unerheblich, das sich Potenziale auftun, alle Lernenden musikalisch aktiv werden zu lassen und mithilfe von Technologien musikalische Parameter wie Melodie, Harmonie, Rhythmus und Timbre kennen zu lernen. Vor allem Lernende ohne Vorkenntnisse bekommen so Gelegenheit, sich kreativ und musikalisch auszudrücken. Auch in Hinblick auf Inklusion kann es eine sinnvolle Ergänzung sein, digitale Medien und damit andere Formen der Klangerzeugung und Klangwiedergabe zu nutzen. Beispielsweise bieten eigens entwickelte digitale Instrumente die Möglichkeit, grobmotorische Bewegungen auch berührungsfrei in Klänge und Geräusche zu übersetzen und umgekehrt gibt es Technologien, die die Wahrnehmung von Musik über körperliche Impulse ermöglichen. Werden solche innovativen Controller mit einer MIDI-Schnittstelle versehen, lassen sich prinzipiell alle digitalen Instrumente steuern. Weitere Informationen zu diesem Thema bietet das Projekt nimm! Netzwerk Inklusion mit Medien. Obwohl digitale Medien ein großes gestalterisches Potenzial bieten, bleibt zu beachten, dass Computer keine vergleichbaren sinnlich-körperlichen Erfahrungen wie Singen, Tanzen oder beim Spielen eines analogen Instruments bieten können (und sollen).

Digitale Medien bieten hinsichtlich ihrer Funktion als Werkzeug und Arbeitsmittel folgende Vorteile für den Musikunterricht:

• Demokratisierung des Unterrichts, indem auch Lernende ohne musikalische Vorerfahrungen und Instrumentalkenntnisse kreative Erfahrungen im Umgang mit verschiedenen musikalischen Parametern machen können

• Alternative Darstellungsformen zur herkömmlichen Notation bieten Lernenden ohne Notenkenntnisse einen leichteren Zugang • Innovative Ein- und Ausgabegeräte bieten auch Kindern mit körperlichen Einschränkungen Partizipationsmöglichkeiten, woraus sich Chancen für inklusiven Musikunterricht ergeben

• Die Arbeit mit virtuellen Instrumenten und vorgefertigten Loops ermöglichen klanglich ansprechende Ergebnisse, die motivationsfördernd wirken können

• Alle Lernenden können selbstwirksam auf ihrem jeweiligen Lernstand am Unterricht teilnehmen

• Üben lässt sich durch Begleittracks kontextualisieren und ansprechender gestalten. Zusätzlich können alle Lernende mit den Tracks selbstständig zu Hause üben. Außerdem gibt es weitere Softwares die das Üben unterstützen, z.B. Metronome und Stimmgeräte

• Die eigene Arbeit kann beliebig oft gespeichert, verändert und abgespielt werden

Zur Gestaltung von Lernaufgaben

Programme, die zu Lehr- und Lernzwecken programmiert werden und die der Ausbildung und Festigung von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten dienen, welche je nach Software systematisch und didaktisch aufbereitet vermittelt, wiederholt, geübt und gefestigt werden, werden als Lernsoftwares bezeichnet. Neben reinen Lernsoftwares gibt es Produkte, die zum Nachschlagen dienen und Softwares, die Wissen in spielerischer Form vermitteln und auch als „Edutainment“ oder „Infotainment“ bezeichnet werden. Ein Beispiel für eine solche Software ist das inzwischen veraltete Programm OPERA FATAL, in welchem die Lernenden als „Maestro“ die im Opernhaus verschwundenen Partituren von Beethovens Fidelio wiederfinden müssen. Für den Unterricht an allgemeinbildenden Schulen gibt es eine wachsende Zahl von Lernsoftwares, die sich qualitativ stark unterscheiden. Lamar G. Strasbaugh und Katja Scheuß bemängeln, dass generell ein großer Nachholbedarf in Hinblick auf Qualität und Quantität der Lernsoftwares (in deutscher Sprache) für den Musikunterricht bestehe. Hinzu kommt, dass solche Softwares oftmals nicht für den schulischen Gebrauch konzipiert sind, auch wenn teilweise damit geworben wird. Inhaltlich gibt es für verschiedene Altersstufen Softwares zu den Themen Musiktheorie, Musikstile, Gehörbildung, Satzlehre/Formen/Gattungen, Instrumentenkunde, Musikgeschichte und Komposition, wobei die Bereiche Musiktheorie und Gehörbildung, gefolgt von Instrumentenkunde überwiegen. Vorteile ergeben sich daraus, dass die meisten Trainingsprogramme leicht zu bedienen sind, Differenzierungsmöglichkeiten bieten und Lernende unmittelbares Feedback und Hilfestellungen erhalten können. Außerdem kann jeder Lernende im eigenen Tempo arbeiten und hat mit einer Software einen geduldigen Übungspartner. Die Qualitätsunterschiede hinsichtlich inhaltlicher Stimmigkeit, Vollständigkeit und Richtigkeit sowie der didaktischen Aufbereitung sind sehr groß. Hinsichtlich der Qualität von Lernsoftwares sind vor allem die inhaltlichen Steuerungsmöglichkeiten, Eingabemöglichkeiten, die Feedbackqualität sowie die Adaptivität von Belang. Die Software sollte Auswahlmöglichkeiten bieten, um individuelle und nicht sequenzielle Lernwege zu ermöglichen. Verschiedene Eingabemöglichkeiten sollten integriert werden können und dem Inhalt angemessen sein, weswegen die Eingabe über ein angeschlossenes Instrument (Keyboard, Gitarre) oder über die Stimme, mithilfe eines Mikrofons, zu bevorzugen sind. Ein qualitatives Feedback sollte neben der Rückmeldung „richtig“ oder „falsch“ im besten Fall die Fehler der Lernenden aufzeigen und Hilfestellungen (z.B. Verweise auf Erklärungen) bieten. Neben Lernsoftwares, die erworben und installiert werden müssen, gibt es auch diverse Websites mit Inhalten zu Musiktheorie und Gehörbildung, die qualitativ mit vergleichbarer Software konkurrieren können. Ein sehr gutes englischsprachiges Beispiel ist TEORIA. Außerdem wächst die Zahl sowohl kostenloser als auch bezahlpflichtiger Apps für Smartphones und Tablets. Vorteile, die Lernsoftwares für den Musikunterricht bieten, sind Differenzierungsmöglichkeiten, individuelle Lerntempi und selbständiges Lernen.


Zur Prüfung und Beurteilung

Für das Erfassen von Leistungen gibt es diverse Optionen, die sich durch digitale Medien bieten: Tests mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten lassen sich unabhängig vom Unterrichtsfach in Form von Lückentexten, Multiple-Choice-, Zuordnungs- und Reihungsaufgaben realisieren. Der Vorteil liegt darin, dass sich solche Tests automatisiert auswerten lassen. Außerdem ist es möglich, Wort, Bild und Ton einzubinden, wodurch beispielsweise Noten- und Hörbeispiele kombiniert werden können. Mithilfe sogenannter Autorensysteme und darin enthaltener vorgefertigter Bausteine sind Lehrkräfte, auch ohne Programmierfähigkeiten, in der Lage, eigene Übungen zu erstellen. Neben standardisierten Test lassen sich offenere Prüfungsformate durch digitale Medien unterstützen. Mögliche Formen wären zum Beispiel digitale Lerntagebücher, E-Portfolios, Weblogs („Blogs“) und Wikis, die von Lernenden kontinuierlich während des Lernprozesses mit Inhalten gefüllt werden. In solchen Szenarien kommt den Lernenden größere Eigenverantwortung zu. Weiterführende Informationen zu digitalen Prüfungsformen finden sich unter den Schlagwörtern „E-Assessment“ bzw. „Online Assessment“ unter anderem bei Ola Erstad. Speziell für den Musikunterricht bieten sich durch digitale Medien neue Formen der Leistungsdokumentation von Lernenden und damit neue Bewertungsgrundlagen an: Da Ton- und Bildaufnahmen mit geringem zeitlichen und finanziellen Aufwand realisiert werden können, lassen sich auch flüchtige Unterrichtsergebnisse festhalten. Dies kann besonders im Zusammenhang mit Darbietungen der Lernenden hilfreich sein, die nur im Moment stattfinden und durch Aufnahmen konserviert werden können. Dadurch bietet sich auch die Chance, mit den Lernenden die Ergebnisse vor dem Hintergrund festgelegter Qualitätskriterien in einem Gruppengespräch zu reflektieren und zu bewerten.


Zur Lernberatung und Kommunikation

Petko verweist darauf, dass es eine enorme Vielfalt an Möglichkeiten gebe, zu zweit, in kleinen oder größeren Gruppen mithilfe digitaler Medien zu kommunizieren, und dass dies kein Ersatz für Präsenzkommunikation sein müsse, da sich neue Formen „eines strukturierten Austauschs“ bieten. Beispielsweise lassen sich zeitliche Beschränkungen des Unterrichts auflösen, indem in Chats, Foren oder sozialen Netzwerken Gespräche und Diskussionen fortgesetzt werden können, wodurch vor allem die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts unterstützt werden kann. Folglich ist es möglich, dass offene Fragen in Foren diskutiert werden und die Lernenden sich gegenseitig Hilfestellungen geben. Ferner ist es denkbar, dass die Lehrkraft außerhalb des Unterrichts als Ansprechpartner zur Verfügung steht, mögliche Diskussionen kommentiert oder individuelle Lerntagebücher liest und Anregungen zum jeweiligen Lernprozess gibt. Vertiefende Informationen zur Kommunikation mit Medien finden sich bei Petko. Speziell für den Musikunterricht interessant sind Möglichkeiten, über das Internet mit anderen Lernenden gemeinsam zu musizieren oder an gemeinsamen Kompositionen zu arbeiten bzw. sich darüber auszutauschen. Mit Softwares wie JAM2JAM, AUDIO D-TOUCH, NINJAM oder Online-Diensten wie EJAMMING ist es möglich, in Echtzeit über das Internet zu musizieren. Projekte aus dem englischsprachigen Raum, wie das Music Composition Online Mentoring Program, bringen Lernende und Profis, die als Mentoren dienen, zusammen und helfen den Lernenden auf vielfältige Weise bei ihren Kompositionsversuchen.

Durch digitale Medien bieten sich folgende Chancen, Lernberatung und Kommunikation zu erweitern:

• Unterrichtsinhalte können über den Präsenzunterricht hinaus besprochen und diskutiert werden

• Lernende können außerhalb des Unterrichts gemeinsam an einem Projekt (z.B. einer Komposition) weiterarbeiten

• für den Austausch zwischen Lernenden und Lehrenden bieten sich neue Möglichkeiten, beispielsweise können Lehrende Fragen zu Hausaufgaben beantworten

• Es kann ortsunabhängig über das Internet musiziert werden

Literatur

Bauer, William I. (2014): Music learning today. Digital pedagogy for creating, performing, and responding to music. New York: Oxford University Press.

Eberhard, Daniel Mark (2017): Digitale Medien im inklusiven Musikunterricht. Potenziale und Nutzungsmöglichkeiten. In: muc: Musikunterricht und Computer 2017, S. 30-34.

Erstad, Ola (2008): Changing Assessment Practices and the Role of ICT. In: Joke Voogt und Gerald Knezek (Hg.): International handbook of information technology in primary and secondary education. New York, NY, Heidelberg: Springer.

Micklisch, Christoph (2000): Aspekte einer "pädagogischen Ergonomie" digitaler Musikinstrumente. In: Diskussion Musikpädagogik 07, S. 18–34.

Petko, Dominik (2014): Einführung in die Mediendidaktik. Lehren und Lernen mit digitalen Medien. Weinheim: Beltz.

Rheinländer, Matthias (2002): Der Computer. Instrument im Musikunterricht, Instrument des Musikunterrichts. Zugl.: Hamburg, Hochschule f. Musik u. Theater, Dissertation 2001. Oldershausen: Lugert.

Scheuß, Katja (2004): Musik-Lernsoftware. Spielend lernen? In: muc: Musikunterricht und Computer 2004, S. 44–48.

Strasbaugh, L. G. (2006): Digitale Medien im Musikunterricht. Ansätze zur Didaktik und Methodik des computerge-stützten Musikunterrichts. Doktorarbeit. Technische Universität Berlin, Fakultät I - Geistes-wissenschaften.

Wilhelmy, Christine (2001): Aller Anfang ist leicht. Softwareprogramme für den Einstieg. In: Johannes Bähr, Peter Börs, Karin Pilnitz und Volker Schütz (Hg.): Musikunterricht heute. Beiträge zur Praxis und Theorie. Oldershausen: Inst. für Didaktik populärer Musik, S. 166–170.

Wolff, Thomas (2000): Computer und Musikdidaktik. In: Diskussion Musikpädagogik 07, S. 6–17.


Siehe auch:

Kritische Reflexion des Medieneinsatzes im Unterricht: Eine Checkliste

Medienpädagogik: Funktion digitaler Medien im Unterrichtseinsatz