Rechte Jugendmusikkulturen

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Begriffsklärung

Rechtsradikale Musik und deren Texte sind ein wichtiges Identifikationsmittel der rechtsradikalen Szene. Sie stärken als Schalt- und Nahtstelle rechtsextremer Strömungen den Zusammenhalt (z.B. durch Konzerte) und dienen der Rekrutierung neuer Anhänger/innen (z.B. durch „Schulhof-CD´s“). Vor allem für Jugendliche bieten sie eine Möglichkeit, sich von einer Erwachsenenwelt abzugrenzen, die auf die von Jugendlichen als neu empfundenen Lebensgefühle keine adäquaten Reaktionen bieten kann. Für viele Jugendliche haben zudem verbotene Konzerte o.Ä. den Reiz des Tabubruchs.

Rechtsextreme Musik benutzt nicht nur die härteren Stile der Populären Musik wie Heavy Metal o.Ä., sondern eine Fülle von Genres, um ausländerfeindliches, neonazistisches, gewaltverherrlichendes, antisemitisches und/oder rassistisches Gedankengut auf unterschiedliche Art und Weise zu vermitteln, damit Feindbilder aufzubauen und zu festigen. Für Erwachsene ist sie entweder durch höchst eingängige und „harmlose“ musikalische Gestaltung oder durch mehrdeutige oder schlecht verständliche Texte nicht immer auf Anhieb als extremistisch zu erkennen. Dabei ist die Musik selbst natürlich nicht politisch: Erst die Texte transportieren die Gesinnung, die Musik dient lediglich dazu, den Textinhalten unter Umgehung rationaler Kontrollinstanzen leichtere Zugangswege zu eröffnen.

Problematik

Seit Jahren stellen sich Wissenschaftler und Verantwortliche auf Seiten der Politik die Frage, welches Ausmaß der Rechtsextremismus tatsächlich angenommen hat. NRW-Innenminister Ingo Wolf bestätigte bei der Vorstellung des NRW-Verfassungsschutzberichts 2008 in Düsseldorf die Brisanz des Themas: „Die Anzahl von rechtsextremistischen Straftaten stieg 2008 um 349 (11 %) auf 3.349 Straftaten“. Weiterhin stellte der Bericht fest: „Die Konfrontation mit der rechtsradikalen Szene nimmt zu - und sie wird gewalttätiger“. (ebd.)

Eine Studie des Bundesinnenministeriums („Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt“, 2009) sagt weiterhin, dass sich 3,8 Prozent der 15jährigen Schüler in der Bundesrepublik einer „rechten Gruppe oder Kameradschaft“ zugehörig fühlen. Die rechtsextreme Szene ist überaus gut organisiert, vor allem in den neuen Bundesländern funktioniert ihre Jugendarbeit geradezu Flächen deckend. Dort haben die Rechtsextremen einen Zulauf wie noch nie zuvor. Trotzdem sollte man diese Tendenz differenziert betrachten. Nicht alle Jugendlichen, die einmal auf einem Rockkonzert der „Böhsen Onkelz“ waren oder eine „Schulhof-CD“ gekauft haben, sind „rechtsextrem“. Es ist daher immer wieder neu zu entscheiden, ob es sich bei rechtsextremen Ausbrüchen mancher Jugendlicher um „geschmacklose, medial aufgebauschte und eher harmlose jugendliche Provokation handelt“ (Terhag 2004) oder um eine „gezielt verbreitete, medial verharmloste und gesellschaftlich weitgehend verdrängte politische Einstellung“? (ebd.).

Musikpädagog/innen sollten es vermeiden dieses Problem durch eine Schwarzweiß-Brille zu betrachten. Eine solch heterogene politische Richtung differenziert sich in sehr viele Graustufen. Um das Problem langfristig zu bekämpfen muss sich die Musikpädagogik dringend mit folgenden Fragen beschäftigen:

Wie und warum werden Jugendliche rechtsextrem? Was muss die Gesellschaft ändern, um Halt suchende Jugendliche nicht in den Rechtsextremismus zu treiben? Welchen Beitrag kann die Musikpädagogik hierzu leisten?

Provokation - Abgrenzung von der Erwachsenenwelt

Jugendliche grenzten sich schon immer mit Hilfe von Musik, Symbolen und Stilen von der Elterngeneration ab und bildeten damit eine eigene jugendkulturelle Identität. Provokation war dabei stets ein Mittel der Abgrenzung. Die Heranwachsenden versuchen bewusst andere Wege zu gehen, die bei der Elterngeneration auf Ablehnung stoßen. Dies wird jedoch in einer zunehmend toleranteren Gesellschaft immer schwieriger. Vor einiger Zeit reichten noch Piercings oder gefärbte Haare um Aufsehen zu erregen. Mittlerweile erreicht ein Jugendlicher diese Aufmerksamkeit fast nur noch mit rechtsradikalen Parolen.

Besser antworten

Rechtsradikalismus unter Jugendlichen kann allerdings „nicht nur auf generations-spezifische Probleme reduziert werden“ (Terhag 2004). Vielmehr spielen auch gesellschaftliche Probleme eine große Rolle. So sind zum Beispiel oft unbefriedigende oder nicht beantwortete gesellschaftspolitische Fragen ein Hauptgrund für Ausländerfeindlichkeit und Wut gegen den Staat. Dies zeigt sich darin, dass in Schulen mit einem höheren Ausländeranteil ausländerkritische Fragen viel besser beantwortet werden können und hier deutlich weniger Schüler rechtsextrem sind als in Schulen mit vergleichsweise wenigen Immigranten (vgl. Dollase 2000). Gesellschaft und Politik schaffen es immer weniger, die Fragen der Heranwachsenden zu einer unsozialen und ungerechten Umwelt zu beantworten: „Man muss Schülern vermitteln, dass nicht das persönliche Schicksal bestimmt ob man arbeitslos ist, sondern die Gesellschaftsordnung“ (ebd.). Zudem fehlt den Jugendlichen in einer Gesellschaft, in der sich niemand für sie interessiert, Geltung, Anerkennung, Zugehörigkeit, starke Emotionen und ein Lebenssinn. Weichen wir den hiermit verbundenen Fragen aus, „füllen dieses Vakuum andere, die darauf eine Antwort wissen“ (ebd.).

Angebote für Jugendliche

Eine zentrale gesellschaftliche Aufgaben besteht demnach darin, Jugendlichen ein Gefühl für Eigenverantwortlichkeit, Zugehörigkeit und einen Lebenssinn zu vermitteln. Jugendliche müssen mehr Chancen erhalten, sich in der Gesellschaft selbst zu verwirklichen. Kirchliche, staatliche oder städtische Jugendarbeit ist daher eine lohnenswerte Aufgabe, denn Jugendliche verlangen nach solchen Angeboten und erfahren dort eine echte Lebensaufgabe. Dort können generationsspezifische Probleme besprochen werden. Sozial integrierte Jugendliche sind wesentlich weniger gefährdet in eine extreme Szene abzurutschen, als jene, die vergeblich eine Aufgabe suchen und diese womöglich in rechtsextremen Organisationen bekommen.

Pädagogik - zwischen kritischer Aufklärung und ungewollter Verstärkung

Die Schule ist ein passender Ort um gesellschaftliche Probleme anzusprechen, schließlich „erreicht man hier jeden Jahrgang fast 100 Prozent“ so Dollase. Jedoch ist die Thematisierung des Rechtsradikalismus im Unterricht heikel und stets eine Gratwanderung zwischen „kritischer Aufklärung über eine Ideologie und deren ungewollter Verstärkung“ (Terhag 2004).

Die Frage, ob man durch die Arbeit mit dem Rechtsextremismus dessen Wirkung untergräbt oder ihn dadurch erst für Jugendliche interessant macht, lässt sich nicht einfach beantworten. Hier gilt es viele verschiedene schul- und klassendynamische Faktoren zu beachten. Dollase verweist darauf, dass es generell nicht ratsam wäre, eine weitere Unterrichtsstunde „Politische Bildung“ mit dem Thema „Neonazis“ einzuführen. Dort würde der erhobene Zeigefinger das Thema für manche Jugendliche erst attraktiv erscheinen lassen (s. Tabubruch, Abgrenzung von der Welt der Erwachsenen). Stattdessen wird empfohlen, exemplarisch die Mechanismen zu thematisieren, mit denen die rechtsradikale Szene arbeitet und Jugendliche für Manipulation durch Musik oder die Mechanismen des Musikmarktes zu sensibilisieren. Ein möglicher Ort hierfür findet sich im fächerübergreifenden Unterricht oder im Projektunterricht (Politik, Gesellschaftslehre, Deutsch, Kunst, Musik), wo das Thema aus möglichst vielen Blickwinkeln erschlossen werden kann. Informationen für diese Projekte bietet zum Beispiel das Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e. V. (IDA) an.

Geschichtlicher Überblick

Die erste Skinheadbewegung bildete sich Ende der 1960er Jahre aus rebellischen Jugendlichen der Arbeiterklasse in England. Diese erste Generation war eher unpolitisch und alles andere als rechtsgerichtet, aber trotzdem gewaltbereit und aggressiv. Wenn man den Begriff „Skinhead“ (fälschlicher weise!) ausschließlich mit „rechts“ gleichsetzt, erstaunt die Tatsache, dass die Skinheads ursprünglich Ska und Reggae hörten, gespielt von schwarzen Musikern wie Desmond Decker (Tippe 2004). Mit diesem gemeinsamen Sound einer multikulturellen Jugendszene erfolgte die Abgrenzung zum Woodstock-Mainstream der Elterngeneration. In den frühen 1970er Jahren nimmt die Bewegung wieder ab, bis um 1977 eine zweite Generation heranwächst. Diese hörte dieselbe Musik wie die Punks (Tippe 2004). Erst später wurde die Musik mit Einflüssen aus Rock und Heavy Metal immer härter und auch mit eindeutigen Texten unterlegt. Die Bands der neuen typischen Skinhead-Musikkultur prägen den Begriff der Oi!-Szene. Mittlerweile hat sich die rechtsradikale Musik längst vom Rechtsrock aus auf sämtliche Genres der Populären Musik ausgeweitet und man findet den Typus des Liedermachers, beispielsweise Frank Rennicke, ebenso in der rechtsextremen Szene (Neitzert 1996) wie Schlager, (vgl. Kruse 1998), Folk und Mainstream-Pop.

Die Geschichte der rechtsextremen Musik ist durchzogen von zahlreichen Brüchen, Widersprüchen und von ständigen Machtkämpfen. Der Verfassungsschutz beobachtet die Szene aufmerksam und verfasst immer wieder Auflagen für Musiker/innen und deren Produktionsfirmen. Die Szene versucht diesen Auflagen auszuweichen, indem beispielsweise bei vielen Konzerten indizierte Textteile eines Songs nicht mehr von der Band, sondern ausschließlich vom Publikum gesungen werden (vgl. Neitzert 1996). Aber nicht nur innerhalb Deutschlands ist die Szene sehr flexibel und unterschiedlich, sie unterscheidet sich auch stark von den rechtsradikalen Musikszenen anderer Länder. Ein weiteres Problem für den Verfassungsschutz ist der schnelle Wandel der Szene dem nur schwer nachzukommen ist. Heute nutzt die rechtsradikale Szene ausgiebig neue Medien wie das Internet für die Verbreitung ihrer Musik.

Mögliche „indirekte“ Themen des Musikunterrichts:

  • Manipulation durch die Musikindustrie
  • Funktionelle Musik
  • Geschichte der Rockmusik
  • Die Band „Die Toten Hosen“
  • Musik und Manipulation
  • Der Musikmarkt
  • Musik im Dritten Reich
  • Umtexten von Liedern
  • Musik und Humor (vgl. Terhag 2004)
  • Es sollte nicht „Rechtsradikalismus“, sondern die ihm zu Grunde liegenden Prinzipien thematisiert werden
  • Statt erhobenem Zeigefinger ist eine Sensibilisierung für Auswirkungen und Hintergründe von rechtsradikaler Musik wichtig.
  • Das Ziel, aus rechtsextremen Jugendlichen brave und „normale“ Staatsbürger/innen zu machen, überschätzt die Möglichkeiten der Schule und kann das Gegenteil bewirken. (vgl. Terhag, 2004)

Bands/Musiker:

Bekannte Bands und Liedermacher der rechten Szene unter: http://www.antimanifest.de/anmu.htm

Weitere Informationen:

  • Medienpaket (Bild- Ton- und Textmaterialien) zu den Anfängen des Rechtsrocks bei der Landesbildstelle Hessen
  • Themenheft „Wenn rechts schon Alltag ist“ der Zeitschrift Erziehung & Wissenschaft

Literatur

  • Bähr, Johannes /Göbler, Dorothee (1993): Rockmusik und Rechtsradikalismus. Audio Visuell 10. Staatliche Landesbildstelle Hessen; Frankfurt
  • Dollase, Rainer, Thomas Kliche, Helmut Moser (1999): Politische Psychologie der Fremdenfeindlichkeit. Opfer - Täter - Mittäter.; Weinheim
  • Fischer, Freentje /Reichert, Karolin (2004): „Rechtsradikale Musik als Gegenstand der Musikunterrichts“ in Ansohn/Terhag (Hg.): Musikunterricht heute Bd. 5: Musikkulturen - fremd und vertraut, S. 387
  • Kruse, Matthias (1998): Schlager als U-Boot der rechtsradikalen Szene. In: Neue Musikzeitung, Februar 1998, S. 39; Regensburg
  • Moser, Ulrike: Wir Kinder von 68: Um die Rebellion betrogen. In: Die Woche vom 26.01.2001, S. 6f.
  • Neitzert, Lutz (1996): „Die Speerspitze der Stammtische. Die rechtsextremistische Jugendmusikszene“, in Terhag (Hrsg.), Populäre Musik und Pädagogik Bd. 2, S. 107ff; Oldenburg
  • Schudack, Achim (1998) „Umgang mit einer Kultband. Rammstein als Grenzfall der Popmusikdidaktik“. In: Musik und Bildung, Heft 4/98, S. 28ff; Mainz, Schott-Verlag
  • Siebert, Nathalie (2004): „Mädchen und Frauen in rechtsextremer Subkultur und Musikszene“. In: Ansohn / Terhag (Hg.): Musikunterricht heute Bd. 5: Musikkulturen - fremd und vertraut, S. 375 - 386; Oldershausen
  • Terhag, Jürgen (2004): „Die rechte Jugendmusikszene. Eine musikpädagogische Gratwanderung zwischen Aufklärung und Affirmation“ in: Ansohn / Terhag (Hg.): Musikunterricht heute Bd. 5: Musikkulturen - fremd und vertraut, S. 354 - 365; Oldershausen
  • Terhag, Jürgen: Rechtsradikale Jugendkulturen - Ein heikles Thema für den Musikunterricht. In: Musik in der Schule, Heft 2/2001, S. 4-11
  • Themenheft „Erziehung und Wissenschaft“: GEW (Hg.): Wenn Rechts schon Alltag ist; Heft 11/2000; Frankfurt 2000
  • Tippe, Florian (2004): „Unpolitische Hools, intelligente Neonazis, schwarze Skinheads und religiöse Rassisten. Skinhead-Musik als Gegenstand interkulturellen Lernens?“ in Ansohn / Terhag (Hg.) Musikunterricht heute Bd. 5: Musikunterricht - fremd und vertraut, S. 368 - 374: Oldershausen
  • Welsch, Wolfgang (1994): Transkulturalität - Zur veränderten Verfassung heutiger Kukturen. In: Wissenschatszentrum NRW, Reichstr. 45, 40217 Düsseldorf (Hg.): Das Magazin 1994, Ausgabe 3, S. 10-13. Düsseldorf
  • Film: „Napola“
  • Forschungsbericht Nr. 107 Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt Studie des Bundesinnenministeriums und des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen E.V. Dirk Baier, Christian Peiffer, Julia Simonson, Susann Rabold 2009