TaKeTiNa

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TaKeTiNa ist eine Form der Rhythmuspädagogik. Die Übungen finden als Gruppenprozess statt. Dabei wird der Körper als Instrument für rhythmisches Sprechen, Klatschen und Gehen eingesetzt. Sie wurde vom österreichischen Musiker und Komponisten Reinhard Flatischler in den 1970er Jahren entwickelt. Durch TaKeTiNa kann jeder Mensch Rhythmus erlernen, weil jeder Mensch rhythmisch begabt ist, so Flatischler. Dabei behauptet Flatischler, dass TaKeTiNa nicht nur dabei hilft, musikalische Fähigkeiten auszubauen, sondern auch, sich spirituell weiterzuentwickeln.

Der Gruppenprozess

Aufbauphase

Mantraaufbau

Aus der anfänglichen Stille heraus beginnt die Übung mit dem Sprechen eines Mantras auf typischen Taketina-Rhythmussilben wie „Ta-Ki“, „Ga-Ma-La“ und „Ta-Ke-Ti-Na“. Zuerst spricht der Gruppenleiter das Mantra vor. Die Teilnehmer hören anfangs zu und steigen nach kurzer Zeit mit ein.

Schrittaufbau

Um die verschiedenen Rhythmen zu realisieren, gibt es im TaKeTiNa verschiedene Grundschrittformen. Zu den drei häufigsten Schrittformen zählen pulsierende Schritte, motivische Schritte und additive Schritte. Die Schritte der jeweiligen Formen werden auf bestimmte Rhythmussilben gesetzt.

Klatschaufbau

Als drittes und letztes Element tritt das Klatschen als Rhythmusebene hinzu, das ebenfalls auf bestimmten Silben realisiert wird. Wichtig hierbei ist, dass Schrittrhythmus und Klatschrhythmus auf unterschiedlichen Silben ausgeführt werden und sich kontrastieren.

Stabilisierungsphase

Call-and-Response

Das in der Aufbauphase gesprochene Mantra geht in ein Call-and-Response Singen über. Der Übungsleiter singt eine Melodie, ein sogenanntes Call-and-Response-Mantra. Dabei gibt er auf dem Berimbau den Grundton vor. Die Teilnehmer singen dann das Mantra nach.

Matrix Call

Der vorhin beschriebene Mantra Call geht nach einer Weile über in den Matrix Call. Hierbei wird die Unabhängigkeit der drei unterschiedlichen Rhythmusebenen angestrebt. Beim Matrix Call kommen drei Silben zum Einsatz. „Gu“ oder „Gum“ erklingt, wenn ein Grundpuls im Schrittrhythmus liegt. „Ba“ wird gesungen, wenn sich ein Grundpuls im Klatschrhythmus befindet und „Go“, wenn Klatsch- und Schrittrhythmus auf einen gemeinsamen Puls fallen.

Öffnungsphase

Die Öffnungsphase besteht aus abwechselnden Phasen von Chaos und Ordnung. Die Chaos-Phasen, beziehungsweise das „Aus-dem-Rhythmus-Fallen“ im Verlauf der Öffnungsphase, fördert einen elementaren Lernprozess bei TaKeTiNa. Während der Chaos-Phasen können die Teilnehmer experimentieren, wie sie am schnellsten wieder in den laufenden Rhythmus zurückfinden.

Call-Mantras

Da sich der Mantra Call, sowie der Matrix Call stabilisierend auf den Rhythmus auswirken, werden während der Öffnungsphase andere Call-Mantras gesungen. Dabei müssen die Calls immer mit mindestens einer der Rhythmusebenen kontrastieren:

Bei der Schrittaktivierung ist der Rhythmus des Calls identisch mit dem Rhythmus der Schritte und kontrastiv zum Klatschrhythmus. Die Chaos-Phase ist stabiler, da ein Durcheinander des Klatschens weniger destabilisiert als ein Durcheinander der Schritte. Die Klatschaktivierung funktioniert wie die Schrittaktivierung, nur entgegengesetzt. Damit ist auch die Auswirkung auf Chaos- und Ordnungsphase größer und intensiver.

Energielinien sind Calls, die im Gegensatz zum Schrittrhythmus wie auch zum Klatschrhythmus stehen und über einen längeren Zeitraum gesungen werden. Energiepunkte sind ebenfalls zu Schrittrhythmus und Klatschrhythmus kontrastiv, bestehen allerdings nur aus zwei bis drei Akzenten.

Ausklang

Nach einer Intensivierungsphase wird das Ende der Übung, der sogenannte Ausklang, durch einen Gong eingeleitet. Die Bewegungen werden immer kleiner und die Klänge immer leiser. Der Ausklang mündet schließlich in eine Ruhephase, die das Ende der Gruppenübung darstellt.

Instrumente

Der Surdo

Der Surdo ist eine 60 cm hohe Basstrommel, deren Klangkörper aus Holz und Aluminium besteht. Der Spieler trägt die Trommel mittels Schultergurt um den Hals. Das Trommelfell des Surdo wird mit einem Filzschlägel in der rechten Hand angeschlagen. Mit der linken Hand kann der Spieler die Klangfarbe regulieren oder Zwischenschläge spielen. Die drei Grundklänge Boom (ungedämpfter Klang), Bik (gedämpfter Klang) und Di (mit der linken Hand geschlagen) bilden die Grundlage, auf der die Surdomelodien entstehen. Der Surdo ist das pulsgebende Fundament im TaKeTiNa.

Der Berimbau

Der Berimbau besteht aus einem Holzbogen (Vara), einer Metallsaite (Chorda), und einer Kalebasse (Cabaca), die über die Chorda gezogen wird. Um Klang zu erzeugen wird die Chorda des Berimbau mit einem dünnen Stock (Vaqueta), angeschlagen. Der Spieler kann den Klang modulieren, indem er mit einem Stein (Lapis) oder einer Münze (Dobrao) Druck auf die Saite ausübt. Mit dem Berimbau begleitet der Übungsleiter seine Call-Mantras.

Weitere Instrumente

Das Grello ist eine afrikanische Fingerglocke. Es besteht aus zwei metallenen Elementen: Einem kleinen Ring, der um den Daumen gezogen wird und der größeren Fingerglocke, die am Mittelfinger getragen wird. All diese Instrumente können auf bestimmte Akzente gesetzt werden. Beim Anschlag der Glocke durch den Ring entsteht ein heller und durchdringender Klang. Weitere bekannte Instrumente sind Fußschellen und Caxixi-Rasseln. Der Holzblock (Moktak) wird häufig anstelle des Klatschens gespielt.

TaKeTiNa im Musikunterricht

TaKeTiNa-Übungen sind im Musikunterricht sowohl in Einzel-, sowie Doppelstunden gut realisierbar. Besondere Vorkenntnisse und Instrumentalspiel sind bei TaKeTiNa keine Voraussetzung, da der Körper als Instrument dient und keine Noten verwendet werden. Jeder Schüler kann also an der Gruppenübung teilhaben. TaKeTiNa-Übungen sind in ihren Schwierigkeitsgraden sehr variabel und können auf die entsprechenden Alterstufen angepasst werden. Das Musizieren mit heterogenen Gruppen ist aber ebenfalls problemlos, da TaKeTiNa-Übungen auf verschiedenen Komplexitätsniveaus ausführbar sind. TaKeTiNa kann zudem bei der Einführung neuer (perkussiver) Instrumente als Unterstützung dienen. Die Schüler können die verschiedenen Klänge der Instrumente beispielsweise durch rhythmisches Sprechen unterschiedlicher TaKeTiNa-Silben imitieren. Später können komplexere Rhythmen oder Rhythmen unterschiedlicher Instrumente auf die verschiedenen TaKeTiNa-Rhythmusebenen verteilt und somit verinnerlicht werden.

Die Übungen tragen aber nicht nur zur musikalischen Entwicklung der Schüler bei. Studien belegen (siehe unten), dass sich TaKeTiNa positiv auf den Erholungsszustand des Gehirns auswirkt. Eine tiefere Erholungsphase wirkt sich wiederum positiv auf die Konzentration der Teilnehmer aus und macht sie aufnahmefähiger. Die Schüler können demnach auch in anderen Schulfächern von TaKeTiNa profitieren.

TaKeTiNa in der Medizin

In den 1980er Jahren untersuchte Reinhard Flatischler in Zusammenarbeit mit dem Herz-Kreislauf-Spezialist Dr. Hans Peter Koepchen erstmalig die Wirkung von TaKeTiNa auf das Nervensystem. Die daraus resultierenden Messungen ergaben, dass sich TaKeTiNa positiv auf den Herzrhythmus auswirken kann.

Untersucht wurde die Wirkung von TaKeTiNa auch im Bezug auf die Herzfrequenzvariabilität. Die Herzfrequenz kann Aussage darüber geben, ob sich der Körper im Erholungszustand, dem sogenannten Vagotonus, befindet. In diesem Fall sind ideale Herzfrequenzen messbar, die nicht regelmäßig, sondern flexibel und an jeden einzelnen Atemzug angepasst sind. Da die meisten körpereigenen Reparaturvorgänge und Abwehrmechanismen nur im Vagotonus aktiv sein können, ist dieser Zustand vor Allem bei chronisch-kranken oder schwerkranken Patienten erstrebenswert. Das Forscherteam von Univ.-Prof. Dr. Laczika und Dr. Lohninger führte Messungen der Herzfrequenzvariabilität von Teilnehmern der TaKeTiNa-Übungen durch und konnten beobachten, dass sie in den Phasen des „Wieder-in-den-Rhythmus-Fallens“ eine Herzfrequenz aufwiesen, die den Vagotonus in stärkerem Maße hervorriefen, als vor der Gruppenübung.

Ein mehrjähriges Projekt an einer Tagesklinik in Göppingen hatte unter der Leitung von Dr. Gert Müller-Schwefe den Einsatz von TaKeTiNa in der Schmerztherapie untersucht. Die Probanden waren Hochschmerzpatienten, die regelmäßig Morphin einnahmen. Nach 20 Monaten TaKeTiNa-Praxis zeigte sich, dass die Medikamentendosis bei 80 Prozent der Teilnehmer um 50 Prozent reduziert werden konnte. [1]

Bei einer Studie am TaKeTiNa-Institut in Wien aus dem Jahre 2010 führten Dr. Michael Überall und seine Mitarbeiter Hirnstrommessungen durch, um mögliche Veränderungen in der Hirnaktivität bei Teilnehmern der TaKeTiNa-Übungen zu messen. Es konnten sowohl die Chaos-Phasen, als auch die darauffolgenden Entspannungszustände durch ein Elektroenzephalogramm sichtbar gemacht und somit nachgewiesen werden.

Literatur

  • Flatischler, Reinhard: Rhythm for evolution: das TaKeTiNa Rhythmusbuch. Mainz: Schott Musik International, 2006.
  • Flatischler, Reinhard: TaKeTiNa: die heilsame Kraft rhythmischer Urbewegungen. München: Irisiana Verlag, 2012.
  • Hafke, Christel: Body-Percussion. Elementare Rhythmuserfahrung mit TaKeTiNa. In: Musik und Bildung. Jg.28(87)/1996. Heft 3. S. 14ff. Mainz: Schott Musik International, 1996.

Weblinks