Transfereffekt

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Einleitung

In musikpädagogischen Kontexten trifft man immer wieder auf den Begriff des 'Transfereffekts'. Dies ist kein Phänomen neueren Datums. In Deutschland wurde das Thema jedoch in den letzten Jahren erneut aktuell, u.a. durch die in den Medien viel beachtete Berliner Studie des Musikpädagogen Hans Günther Bastian (2000). Bastian hatte über mehrere Jahre hinweg die Auswirkungen des Musikunterichts an sogenannten 'musikbetonten' Berliner Grundschulen untersucht und kam zu dem vermeintlichen Ergebnis, dass durch diesen nicht nur die musikalischen Fähigkeiten der Kinder gefördert wurden, sondern auch erstaunliche Transfereffekte in ganz andere Bereiche erfolgt seien.


Die Bastian-Studie als Beispiel

Wenngleich Transfereffekte auch in vielen anderen Fächern und Lernkontexten thematisiert werden, soll im Folgenden der Begriff am Beispiel der Bastian-Studie näher erläutert werden, die in Fachpublikationen auch häufig als "Transfereffekt-Studie" beschrieben wird (vgl. Krämer 2001: 18, Gembris 2001: 177ff).

In der Bastian-Studie wird davon ausgegangen, dass z. B. soziale Fertigkeiten, die beim gemeinsamen Musizieren benötigt und erlernt werden, auch auf andere Bereiche übertragen werden können, d. h., dass Erfahrungen, Prägungen, Wissen und Erkenntnisse, die von den Schülern im Umgang mit Musik erworben werden, Einfluss auf deren Persönlichkeitsentwicklung nehmen können. Transferleistungen werden vor allem für den Lernprozess innerhalb eines Faches erwartet und gelten als pädagogisch wichtiges Lernprinzip (vgl. Bastian 2000: 44), in der Bastian-Studie geht es jedoch fast ausschließlich um den Transfer in außermusikalische Bereiche.


Der Transfereffekt

Jene Übertragung von Einsichten und Fertigkeiten einer bestimmten Lernsituation auf andere Lernsituationen wird als Transfereffekt (lat. transferre = übertragen) bezeichnet (vgl. Bastian 2000: 44). Dabei wirken sich also Erfahrungen auf die Ausführung nachfolgender Tätigkeiten aus. Dies kann entweder in positiver Weise geschehen, also unterstützend auf die Ausführung der folgenden Tätigkeit, oder in negativer Weise wirken, nämlich hemmend oder unterbrechend, oder einen neutralen Effekt, den ‚Null-Transfer’, haben. Zu einem ‚Null-Transfer’ kommt es, wenn sich positive und negative Transferwirkungen durch ihre gleiche Stärke gegenseitig aufheben oder wenn sich die beiden Lernsituationen nicht beeinflussen (vgl. Staines 2001: 77).


Konzept von Thorndike

Die Vorstellung, dass durch eine intensive Beschäftigung mit Musik Transfereffekte auf nicht-musikalische Bereiche ermöglicht werden, ist nicht neu. Sowohl in psychologischen als auch in pädagogischen Arbeiten wird dies bereits seit Langem kontrovers diskutiert (ein Überblick über Entstehung und historische Entwicklung der Transfertheorie gibt Staines 2001: 72-78 und Bastian 2000: 44-51.). Entsprechend der Komplexität des Transferphänomens gibt es unterschiedlichste theoretische Ansätze und Erklärungsmodelle, die im Kern jedoch meist auf das Konzept von Thorndike (1901) verweisen:

„Wenn zwei Situationen eine gemeinsame zugrunde liegende Struktur haben, aber sich in ihren äußeren Erscheinungsformen unterscheiden, kann kein Transfer erwartet werden, wohingegen Transfer notwendigerweise erfolgt, wenn sie gemeinsame äußere Elemente haben, beispielsweise physische oder perzeptuelle Ähnlichkeiten“ (Staines 1999: 74).

Bastian fasst die prinzipiellen Faktoren des Transfers in folgender Fragesequenz zusammen: „Was (das Gelernte) wird von wo (von welchem Lernbereich) worauf (auf welchen Zielbereich) für wie lange (Dauer der Effekte) übertragen?“ (Bastian 2000: 45).


Probleme der Transferforschung

Dass die Transfereffekt-Forschung mit vielen (vor allem methodischen) Probleme konfrontiert ist, liegt auf der Hand:

„Nichtsdestotrotz: Selbst wenn es vertretbar ist, musikalisches Lernen als kontextuellen Katalysator für bestimmte Entwicklungsergebnisse zu bezeichnen, so bleibt doch die Bestimmung der genauen Relation, welche Ursache welche Wirkung hat, ein ungelöstes Rätsel, das unweigerlich zu Mutmaßungen führt. Die problematische Natur dieser Beziehung verlangt nach genauer Überprüfung, weil es ungezählte Kombinationsmöglichkeiten gibt und in dieser langjährigen kulturellen Tradition immer wieder widersprüchliche Behauptungen aufgestellt wurden.“ (Staines 1999: 73)


Literatur

  • Bastian, Hans Günther (2000), Musik(erziehung) und ihre Wirkung. Eine Langzeitstudie an Berliner Grundschulen, unter Mitarbeit von Adam Kormann, Roland Hafen, Martin Koch, Mainz: Schott.
  • Bastian, Hans Günther; Kormann, Adam (2001), „Transfer im musikpädagogischen Diskurs. Definitorische und methodologische Reflexionen zur Evaluations- und Entwicklungsforschung“, in: Macht Musik wirklich klüger? – Musikalisches Lernen und Transfereffekte, hrsg. v. H. Gembris, R.-D. Kraemer, G. Maas, Augsburg: Wißner (= Forum Musikpädagogik, Bd. 44; Musikpädagogischer Forschungs-bericht, Bd. 8), S. 39-66.
  • Gembris, Heiner (2001), „Musik, Intelligenz und Persönlichkeitsentwicklung“, in: Macht Musik wirklich klüger? – Musikalisches Lernen und Transfereffekte, hrsg. v. H. Gembris, R.-D. Kraemer, G. Maas, Augsburg: Wißner (= Forum Musikpädagogik, Bd. 44; Musikpädagogischer Forschungsbericht, Bd. 8), S. 173-187.
  • Krämer, Oliver (2001), „Hans Günther Bastians Transfereffekte-Studie in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit“, in: Diskussion Musikpädagogik, H. 12, S. 18-27.
  • Staines, Richard (2001), „Transferleistung auf dem Prüfstand: Neubewertung des außermusikalischen Potentials von Musiklernen und -hören. Ein Überblick ausgewählter Literatur“, in: Macht Musik wirklich klüger? – Musikalisches Lernen und Transfereffekte, hrsg. v. H. Gembris, R.-D. Kraemer, G. Maas, Augsburg: Wißner (= Forum Musikpädagogik, Bd. 44; Musikpädagogischer Forschungsbericht, Bd. 8), S. 71-94.
  • Thorndike, Edward L. (1901), „The influence of Improvement in One Mental Function Upon the Efficiency of Other Functions”, in: Psychological Review, Jg. 8, S. 247-261.

Weblinks