„Didaktik der Musik“ nach M. Alt

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Didaktik der Musik – Orientierung am Kunstwerk (Michael Alt, 1968)

Erste bedeutende musikpädagogische Konzeption nach 1945 von Michael Alt, mit dem Ziel der Abkehr von der musischen Bildung und der Wandlung des traditionellen Gesangsunterrichts zu einem dem Kunstwerk hingewandten Musikunterricht unter Einbeziehung von Musikhören im Unterricht. Bemerkenswert ist auch der für alle Schulgattungen und Jahrgangsstufen ausgearbeitete Unterrichtsplan.


Historischer Zusammenhang

Die Betrachtung des Hörverhaltens der Jugendlichen und die qualitative Beurteilung von Musik war für Michael Alt zentraler Lerninhalt im Musikunterricht. Wie bereits in der Kestenberg-Reform der 20er Jahre ging es Alt um einen Wandel des Musikunterrichts - weg vom Gesangsunterricht, hin zum wissenschaftlichen Umgang mit Musik. Gerade nach den Erfahrungen des missbräuchlichen Umgangs mit Musikunterricht im 3. Reich und der politischen Instrumentalisierung des Singens legte Alt großen Wert auf eine Versachlichung des Musikunterrichts. Der in den 60er Jahren entstehende Aufbruch in der allgemeinen Pädagogik hinterließ ebenfalls Spuren in seinem Unterrichtskonzept. Doch auch der technische Fortschritt spielte eine wichtige Rolle. Zum einen hielten Schallplatten und Tonbänder Einzug in jeden Haushalt, was das Hörverhalten der Menschen deutlich veränderte - täglicher Musikgenuss zur Unterhaltung und Zerstreuung ohne intellektuelle Auseinandersetzung mit der Musik. Alt wollte mit seinem Konzept der Abkehr vom Kunstanspruch entgegenwirken. Der jederzeit mögliche Zugriff auf Tondokumente im Musikunterricht machte es erst möglich eine Hörerziehung bzw. Auslegungslehre in der Schule zu realisieren.

Die Konzeption

Zur Situation der Musikpädagogik Ende der 60er Jahre

Drei Gründe nennt Alt, warum eine Orientierung am Kunsterk im Musikunterricht vollzogen werden soll:

  1. Der Realaspekt: Der Umgang mit Musik hat sich mit der Entwicklung von Tonträgern drastisch verändert. War im 19. Jahrhundert Musik nur „live“ zu erleben, ist Musik in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts überall präsent und abrufbar. Schallplatte, Casette und Radio sind in fast allen Lebensräumen omnipräsent. Es entsteht eine Kultur der Massenmusik, in der der Kunstanspruch keine Rolle mehr spielt. Dieser ´Passivität des Hörens` muss der Musikunterricht Rechnung tragen und die technischen Möglichkeiten in den Unterricht integrieren und sich zu Nutze machen. Aber auch Jazz und Rock'n'Roll - die neue Unterhaltungsmusik - sollen im Musikunterricht aufgegriffen werden.
  2. Der Kunstaspekt: Jede Musikform, von Volksmusik bis Kunstmusik, muss in allen Schulgattungen behandelt und interpretiert werden. Das Werkhören ermöglicht allen Leistungsstufen im Schulsystem den Zugang dazu.
  3. Der Sachaspekt: Der Musikunterricht bedarf eines umfassenderen Zugriffs. Neben dem Musizieren muss das Werkhören, aber auch eine historische, kulturräumliche und fachliche Betrachtung stattfinden.

Funktionsfelder des Musikunterrichts

Reproduktion

Durch die Reproduktion von meist vokaler Musik im Klassenverband soll eine erste Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk stattfinden. Vorteile liegen im gemeinsamen Erleben des Musizierens in der Gruppe und im gestaltenden Nachvollzug. Hierbei spielen künstlerischer Anspruch und breit gefächerte musikalische Auswahl der gespielten Werke eine wichtige Rolle. Ziel dieses Funktionsfeldes ist eine "zu ersingende Stilkunde" in der oberen Schulstufe.

Theorie

Theoretisches Wissen muss allen Schülern zur Verfügung stehen und soll durch praktische Übungen zu Tonalität, Rhythmus, Harmonie, Tempo usw. vermittelt werden. Alt konzentriert sich hier auf die abendländische Musikkultur.

Interpretation

In der Interpretation von Musik liegt eindeutig der Schwerpunkt der Konzeption. Zunächst soll eine praktikable Auslegungslehre entwickelt werden, die es dem Schüler ermöglicht, eigenständig ein Musikstück zu interpretieren (systematischer Aufbau ab der unteren Schulstufe in altersspezifisch angepasster Art und Weise). Diese Auslegungslehre basiert auf drei Bereichen:

Sinnkategorien der Musik: Alt gliedert sämtliche Musik in zwei Bereiche: - Verbundene Musik (Tanzlied, Oper, Singspiel, Vokalmusik, Programmmusik) - Absolute Musik (Sinfonie, Fuge, Neue Musik)

Stufen der geistigen Aneignung: Weiterhin entwirft Alt ein Bild der Schichtenaufgliederung des Kunstwerks, um den musikalischen Hörakt differenzierter betrachten zu können. Die Realschicht stellt das einfache Musikhören ohne den Einsatz von Hintergrundwissen und musikalischer Bildung dar. Die Strukturschicht verlangt vom Hörer das Erkennen musikalischer Strukturen und Kompositionstechniken zur Umsetzung eines gewünschten musikalischen Ausdrucks etc. Diese Schichten werden wiederum unter zwei Aspekten beleuchtet, der Außenschicht und der Innenschicht. Etwas vereinfacht formuliert betrachtet die Außenschicht die rational bewertbaren Aspekte von Musik wie Tonsatz oder Formenlehre. Die Innenschicht beschäftigt sich mit der Emotionalität der Musik. Die Symbolschicht führt die beiden Ebenen der Außen- und der Innenschicht wieder zusammen und ermöglicht die Betrachtung und Bewertung des gesamten Kunstwerks auch unter außermusikalischen Aspekten. Ziel ist es, das Kunstwerk als geistiges Dokument zu erfassen.


Außenschicht


Innenschicht


Musikhören



Vorderschicht

(Realschicht)

Wirkungsgefüge der Klangfront Erleben, Einfühlen, Mitvollzug passives Hören
Mittelgrund

(Strukturschicht)

Tektonik

  • Musik erfassen
  • Musik begreifen

(rationale Erarbeitung)

  • Musik verstehen

(wertende Hereinnahme)

Gefühlsresonanz

Ausdrucksanalyse

aktives Hören

strukturelles Hören

Hintergrund

(Symbolschicht)

aus dem Gesamtzug des Ganzen
  • außermusikalische, transmusikalische,

innermusikalische Bedeutung

  • Spiegelung kosmischer Gesetze -

empfundene Musik

  • das musikalische Kunstwerk

als geistiges Dokument

aus dem Gesamtzug des Ganzen
  • außermusikalische, transmusikalische,

innermusikalische Bedeutung

  • Spiegelung kosmischer Gesetze -

empfundene Musik

  • das musikalische Kunstwerk

als geistiges Dokument

beseeltes Hören

Methoden der Interpretation: Vor diesem Hintergrund entwickelt Alt drei Ansätze der Annäherung an das Kunstwerk. Zunächst zeigt sich die Verbundenheit von Werk und Hörer durch Stimmungsästhetik und Hermeneutik (psychologische Methoden). Als zweiter Bereich sind Formanalyse und Energetik zu nennen (phänomenologische Methoden). Und zuletzt musikgeschichtliche, kulturgeschichtliche, stilkundliche und biographische Aspekte (historische Methoden). Mit Hilfe dieser Methoden sollen die Schüler und Schülerinnen befähigt werden, eigenständige, möglichst neutrale Interpretationen von Werken zu erstellen.

Allerdings eignen sich für Alt nicht alle Methoden gleich gut zur Beurteilung eines Werkes. Gerade bei den psychologischen Methoden hält er die Hermeneutik für eher ungeeignet, da sie allzu rational-analytisch arbeitet und die Gesamtheit und -wirkung eines Werkes nicht im Blick behält. Die Aufzählung und Aufrechnung einzelner Ausdruckselemente sagt wenig über den gesamtkunstwerklichen Wert eines Werkes aus. Im Gegensatz dazu ist die Stimmungsästhetik dazu in der Lage, da sie Wirkung und Stimmungsgehalt eines Werkes betrachtet, was Alt für das Wesentliche in der Musik hält.

Bei den historischen Methoden ist wohl der stilkundliche Aspekt der herausragende. Durch Stilanalyse und geistesgeschichtliche Deutung lassen sich Zeitgeist und Lebensgefühl einer Epoche ergründen und die Einbettung des Werkes in diese wird erkennbar. Hierin liegt eine Wechselwirkung, da auch das Werk den Zeitgeist beeinflusst und somit im Idealfall eine Epoche gestaltet und prägt.


Das Musikhören des Kindes und des Jugendlichen: Alt betrachtet abschließend das Hörverhalten der Kinder und Jugendlichen und bildet drei Kategorien:

  1. sensibles Hören: Hiermit bezeichnet Alt das passive Hören. Musik als Summe von Klangreizen. Töne, Harmonien und Rhythmus bilden ein buntes Zusammenspiel, welches auf Körper und Seele einwirkt und so Emotionen weckt.
  2. ästhetisches Hören: Erst wenn Erkenntnisse über z.B. Tonwelt und Form das Hören beeinflussen, spricht Alt vom ästhetischen oder aktiven Hören.
  3. beseelendes Hören: In das beseelende Hören fließen das sensible und das ästhetische Hören ein. Musik ist Ausdruck seelischen Geschehens und der Ton ein Symbol seelischer Zustände. Um Musik und das Kunstwerk an sich als beseelend zu empfinden, ist auch ein wissenschaftliches Vorverständnis notwendig.

Information

Ziel der Auslegungslehre ist es, dem Schüler ein wissenschaftlich fundiertes Ordnungsdenken zu vermitteln, mit dem er die Flut an musikalischen Eindrücken im Alltag objektiv bewerten und kategorisieren kann. Musikunterricht soll nicht als Widerlager der musikalischen Massenmedien wirken, sondern helfen, mit diesem Angebot umzugehen. Musiktheorie und Reproduktion reichen dafür nicht aus. Die Fähigkeit zur objektiven Interpretation eines Kunstwerks zeichnet einen mündigen Hörer aus.

Das Lehrgefüge

Künstlerische Reproduktion, Musiktheorie und Interpretation sind für Alt die drei Säulen des modernen Musikunterrichts. Im Zuge der Veränderungen und der gewünschten Transparenz des Schulsystems in den 60er Jahren (von der Dreigliedrigkeit Haupt-, Realschule, Gymnasium hin zur Gesamtschule) folgert und fordert er einen gleichgeschalteten Musikunterricht, um systemwechselnden Schülern eine kontinuierliche musikalische Ausbildung zu gewährleisten. Daraus resultierend umfasst sein Gesamtplan für den Musikunterricht alle Jahrgangsstufen und Schulformen und ermöglicht einen kontinuierlichen und gleichen Unterricht für alle Schüler.


Reproduktion Theorie Interpretation Information



untere Schulstufe

Grundschule 1.-4.


Förderstufe 5.-6. Schuljahr

künstlerisches

Nachgestalen von Lied- und ein- facher Vokalmusik

Erarbeitung aller

Parameter der Musik durch improvisatorische Elementarübung, Hören und Reflexion

Verlebendigung und

Vorverständnis des Hörwerks

Einübung von Hör- und Auffassungsschemata

Künstlerische Liedbetrachtung

Erkundung der

musikalischen Umwelt Umweltlehre


die technischen Mittler in Lehre und experimentellem Umgang

mittlere Schulstufe

allgemeine Grundbildung

Hauptschule 7.-9.

Realschule 7.-9.

Gymnasium 7.-10. Schuljahr

von

Grundformen der Vokalmusik

(Homophone und polyphone Sätze, Motette, neue Lied- und Vokalsätze)

Analyse der

Darstellungsmittel der Musik nach künstlerischer Gesetzlichkeit und ästhetischer Deutung zur theoretisch- ästhetischen Analyse der Hörwerke (angewandte Musikästhetik) durch Übungen am Sing- und Hörgut und in elementarer Improvisation

Einübung einer

Auslegungslehre in Modellen


Aufschlüsselung des musikalischen Feldes nach Sinnkategorien in exemplarischer Konzentration


zeittypische Werkbetrachtung

*klassifizierendes

Kategorienwissen

  • geschichtliches

Orientierungswissen

  • soziologisches

Funktionswissen zum Aufbau einer geordneten musikalischen Vorstellungswelt


Grundlegung einer musikalischen Lebenslehre

obere

Schulstufe


geistige Grundbildung


Gymnasium 11.-13. Schuljahr

von

stilistisch repräsentativem Vokalgut

Ausbau der

Musiktheorie durch musikologische Thematisierung der Musik und durch Einführung in die ästhetischen Grundsatzfragen

individual-

Interpretation


die historische Dimension und das Repräsentative


geschichtlicher Werkkanon


Formen der geistigen und methodologischen Erarbeitung eines Werkes

Grundfragen und

Tagesfragen der Musikästhetik, Musiksoziologie und Musikpolitik an Hand des Fachschriftentums zur Grundlegung einer Gesellschaftslehre der Musik

Schulstufenübergreifend sollte eine Begabtenförderung in Instrumentalunterricht, Chor, Orchester und/oder Schuloper stattfinden.

Veröffentlichungen

  • Das musikalische Kunstwerk (3 Bände, Düsseldorf, 1965)
  • Didaktik der Musik - Orientierung am Kunstwerk (Düsseldorf, 1968, 1973)
  • Musikkunde in Beispielen (div. Schallplatten, Hbg. und Düsseldorf, 1957 ff.)