Afroamerikanische Musik

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Afroamerikanische Musik als Gegenstand der Musikpädagogik

Afroamerikanische Musik ist als Teil der Populären Musik mittlerweile fester Bestandteil des schulischem Musikunterrichtes und der Ausbildung von Musiklehrer/innen.[1] So ermöglicht sie durch ihren Ursprung aus oral tradierenden Musikkulturen beispielsweise beim notenfreien Klassenmusizieren (z.B. im Live-Arrangement) eine sinnvolle Verwendung im Musikunterricht. Darüber hinaus ist besonders die lateinamerikanische Musik aufgrund der großen und variablen Besetzung mit starkem Percussion-Anteil ein relativ authentischer Stilbereich für das Klassenmusizieren.[2]

Begriffsklärung

Afroamerikanische Musik ist eine Sammelbezeichnung für die unter dem Einfluss der europäischen Kultur auf dem amerikanischen Kontinent entstandene Musik der afrikanischen Sklaven.[3] Im engeren Sinne beschreibt der Begriff die in den USA entstandene Musik der afroamerikanischen Bevölkerung und grenzt sich somit von der lateinamerikanischen oder der afrokubanischen Musik ab. Die afroamerikanische Musik bildet einen wesentlichen Bestandteil der Populären Musik und ist dort eine zentrale Quelle für die Entstehung neuer Stile.[4] Durch die Akkulturationsprozesse beim Aufeinandertreffen afrikanischer und europäischer Kulturen entwickelten sich eigenständige Musikstile. Deren musikalische Ausprägung fiel auf Grund der unterschiedlichen Herkunft der Sklaven, sowie der jeweiligen herrschenden Kolonialmächte (England, Portugal, Frankreich und Spanien), regional sehr unterschiedlich aus. [5] Dies erklärt unter Anderem die stilistische Vielfalt afroamerikanischer Musik.


Musikalische Merkmale afroamerikanischer Musik

Voraussetzung für die afroamerikanische Musik sind die so genannten Oral Cultures südlich der Sahelzone, aus der die Mehrzahl der verschleppten Sklaven stammte. Oral Cultures zeichnen sich durch die mündliche Weitergabe von Wissen in Form von Sprache, Musik, Tanz oder Gesang aus. Eine wichtige Rolle spielen bei der Wissensweitergabe Riten und Zeremonien.[6]

Folgende Merkmale sind auf Grund des afrikanischen Ursprungs signifikant für afroamerikanische Musik:

  • Die Verbindung von Musik und Tanz[7]
  • Rhythmus (Polyrhythmik/Polymetrik, Synkopierung, ternäre Phrasierung, Off-Beat-Akzente)[8]
  • Bedeutung von Percussion-Instrumenten
  • Wiederholungen (Call and Response, Call-Call)[9]
  • Improvisation, Spontaneität (actionality)[10]
  • Mündliche Überlieferung (oral cultures)[11]
  • Musik als fester Bestandteil von sozialem, individuellem, ästhetischem und gesellschaftlichem Handeln.[12]

Da die englischen Besatzer den Sklaven das Singen und Trommeln ihrer eigenen Musik außerhalb der Arbeit verboten, erlernten einige Sklaven europäische Musikinstrumente und vorerst geistliche europäische Lieder. Dabei verbanden die Sklaven diese Musik mit ihrer eigenen Form des Musizierens.[13][14] Somit hat auch die europäische Kultur eine wichtige Rolle bei der Entstehung afroamerikanischer Musikstile gespielt.

Geschichte

Ab 1517 wurden afrikanische Sklaven in die portugiesischen und spanischen Kolonien (z.B. Brasilien, Kuba und Jamaika, etc.) gewaltsam verschleppt. In diesen Kolonien trafen sie auf die romanisch-katholische Kultur der portugiesischen und spanischen Besatzer. Diese kulturelle Begegnung führte unter anderem zur Entstehung der lateinamerikanischen , karibischen und afrokubanischen Musik.[15]

Ab 1619 wurden afrikanische Sklaven nach Nordamerika gebracht, wo sie auf die angelsächsisch-protestantische Kultur der englischen Besatzer trafen. Im Gegensatz zu den spanischen und portugiesischen Kolonien zerstörte man in den englischen Kolonien die Stammes- und Familienstruktur der Sklaven um sie leichter beherrschen zu können.[16] Außerdem wurden ihnen in Nordamerika strikter verboten die eigenen Religionen zu pflegen oder eigene Lieder zu singen. Dadurch konnten ursprüngliche Merkmale afrikanischer Musik wie die der stammes- und familienorientierten Form des Musikmachens in Lateinamerika besser erhalten bleiben als in Nordamerika.[17] Durch die nachhaltige Zerstörung der Familien und Stammesstrukturen und der ausweglosen Lebenssituation der AfroamerikanerInnen in Nordamerika fanden diese sich allein und losgelöst in der Neuen Welt. Dieser Umstand provozierte die Entwicklung einer eigenständigen afroamerikanischen Musik in Nordamerika.[18] Obwohl die afrikanischen Sklaven aus unterschiedlichen Regionen stammten (mit unterschiedlichen Sprachen), entwickelte sich auf der Grundlage der englischen Sprache und dem gemeinsamen Schicksal ein Kollektivbewusstsein, das für die Entstehung afroamerikanischer Musik von zentraler Bedeutung ist. Durch die frühen Missionierungsversuche an den Sklaven in Nordamerika und die damit zusammenhängende kirchliche Sozialisation erlernten die AfroamerikanerInnen religiöse Psalmen und Hymnen, sowie europäische Musikinstrumente. Eine Frühform dieses Musizierens waren die sogenannten „Ring Shouts“. Diese waren Gemeinschaftstänze, in welchen sich Tanz und Musik mit religiösen und weltlichen Themen in einem multimedialen Ereignis verbanden.[19] Die AfroamerikanerInnen verbanden ihre eigenen Musikgewohnheiten mit den europäischen Einflüssen, sodass sich allmählich eine eigenständige Form des Musizierens entwickelte, die afrikanische Traditionen (z.B. Call and Response, Offbeat-Phrasierung, Polymetrik, etc.) mit den Merkmalen europäischer Musik (z.B. Funktionsharmonik, Melodik, etc.) verband. 1865 wurde die Sklaverei in den USA offiziell abgeschafft. Langfristig gesehen führte dies zu der Bildung eines eigenständigen afroamerikanischen Kulturbewusstseins, in der die Musik eine besondere Rolle spielte.[20] (Bewegungen wie: Black is Beautiful, Black Power, etc.) Aus den frühen Musikstilen wie Ring Shouts, Worksongs und Spirituals entwickelten sich weitere Formen wie Blues, Gospel und Jazz, die wiederrum zu der Entwicklung von neuen Musikstilen führten. Mitte des 20. Jahrhunderts vermischten sich Jazz und lateinamerikanische Musik durch Akkulturationsprozesse zwischen der lateinamerikanischen und nordamerikanischen Kultur.[21] Bis heute entwickelt sich die afroamerikanische Musik als Teil der Populären Musik weiter und bildet neue Formen.[22]


Stile afroamerikanischer Musik aus Nordamerika

Ein historisches Kontinuum afroamerikanischer Musik stellen die Stilbereiche Worksongs, Spirituals, Blues, Gospel, Jazz, Soul, Rock’n’Roll, Funk, R&B, Hip-Hop, Techno, House, etc. dar.


Stile afroamerikanischer Musik aus Lateinamerika

Wichtige Stile aus Mittel- und Südamerika sind unter anderem Afrokubanische Musik, Afrobrasilianische Musik (Bossa Nova, Samba, Samba), Raggae, Choro, Afrokaribische Musik (Son, Merengue, Calypso), Tango Argentino, Cumbia, Candombe, etc.
  1. Terhag, Jürgen, Maas, Georg: „Musikunterricht Heute“ Zwischen Rockklassikern und Eintagsfliegen – 50 Jahre Populäre Musik in der Schule, Berlin 2010. S. 8
  2. Terhag, Jürgen, Winter, Jörn Kalle: „Live Arrangement“ Vom Pattern zur Performance. Berlin 2011. S. 76
  3. Wicke, Peter, Ziegenrücker, Wieland, Ziegenrücker, Kai-Erik: „Handbuch der populären Musik“ Geschichte/Stile/Praxis/Industrie. Mainz 2007. S. 18-21
  4. Terhag, Jürgen, Winter, Jörn Kalle (2011): „Live Arrangement“ Vom Pattern zur Performance. Mainz 2011: Schott Verlag, S. 114
  5. Wicke, Peter, Ziegenrücker, Wieland, Ziegenrücker, Kai-Erik:„Handbuch der populären Musik“ Geschichte/Stile/Praxis/Industrie. Mainz 2007. S. 18-21
  6. Rappe, Michael: Under Construction. Kontextbezogene Analyse afroamerikanischer Popmusik. Band 6.1 Köln 2010. S. 128 - 129
  7. Dauer, Alfons M.: Der Jazz – Seine Ursprünge und seine Entwicklung. Kassel 1958. S. 53
  8. Dauer, Alfons M.: Der Jazz – Seine Ursprünge und seine Entwicklung. Kassel 1958. S. 49
  9. Dauer, Alfons M.: Der Jazz – Seine Ursprünge und seine Entwicklung. Kassel 1958. S. 55
  10. Sidran, Ben: „Black Talk“ Schwarze Musik - die andere Kultur im weißen Amerika. Hofheim 1971. S. 22 ff.
  11. Rappe, Michael: Under Construction. Kontextbezogene Analyse afroamerikanischer Popmusik. Band 6.1 Köln 2010. S.128
  12. Rappe, Michael: Under Construction. Kontextbezogene Analyse afroamerikanischer Popmusik. Band 6.1 Köln 2010. S. 131
  13. Wyman, Bill : „Blues“ Eine Reise ins Herz und zur Seele des Blues. London 2001. S. 16–57
  14. Berendt, Joachim Ernst: Das große Jazzbuch, Frankfurt 1992. S. 436
  15. Wicke, Peter; Ziegenrücker, Wieland, Ziegenrücker, Kai-Erik: „Handbuch der populären Musik“ Geschichte/Stile/Praxis/Industrie. Mainz 2007. S. 18-21
  16. Dauer, Alfons M.: Der Jazz – Seine Ursprünge und seine Entwicklung. Kassel 1958. S. 50
  17. Dauer, Alfons M. :Der Jazz – Seine Ursprünge und seine Entwicklung. Kassel 1958. S. 50
  18. Wicke, Peter; Ziegenrücker, Wieland, Ziegenrücker, Kai-Erik: „Handbuch der populären Musik“ Geschichte/Stile/Praxis/Industrie. Mainz 2007. S. 18-21
  19. Rappe, Michael: Under Construction. Kontextbezogene Analyse afroamerikanischer Popmusik. Band 6.1 Köln 2010. S.133
  20. Carles, Philippe; Comolli, Jean-Luis: „Free Jazz“ Black Power. Paris 1974. S 121 ff.
  21. Terhag, Jürgen; Maas, Georg: „Musikunterricht heute“ Zwischen Rockklassikern und Eintagsfliegen – 50 Jahre Populäre Musik in der Schule. Berlin 2010. S. 76
  22. Wicke, Peter; Ziegenrücker, Wieland, Ziegenrücker, Kai-Erik: „Handbuch der populären Musik“ Geschichte/Stile/Praxis/Industrie. Mainz 2007. S. 18-21