Klassenmusizieren

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Praktisches Musizieren in der Geschichte des Musikunterrichts

In der Geschichte der allgemein bildenden Schule hat sich die Bedeutung des Musizierens im Unterricht mehrfach grundlegend gewandelt. Grob vereinfacht könnte man von vier wesentlichen Phasen sprechen:

Beginn des 20. Jahrhunderts

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte das praktische Musizieren einen hohen Stellenwert, sowohl in den zunächst reinen „Singstunden“ als auch später in deren Erweiterung zum allgemeinen Musikunterricht im Umfeld der Musischen Erziehung, deren Ideen Einfluss auf die Musikpädagogik gewonnen hatten (Noll 1994, S. 201), und vor allem durch die Kestenberg-Reform, die in den 20er Jahren zum ersten Mal das instrumentale Musizieren ausdrücklich im Lehrplan verankerte (Erwe 1994, S. 202).

50er und 60er Jahre

In den 50er und vor allem den 60er Jahren bewirkte die Kritik Theodor W. Adornos an der Musikpädagogik unter anderem eine Hinwendung zur Musik als Kunst und zur Kunstwerkbetrachtung. Die Ablehnung des Konzepts der Musischen Erziehung führte bis in die 70er Jahre hinein auch zu einer weitgehenden Abwendung vom praktischen Musizieren, da nur noch die künstlerische Wiedergabe von Werken Geltung hatte. Musizieren im Unterricht als Selbstzweck war nicht erwünscht, sondern höchstens als „Mittel zum Zweck“ (nämlich als Hinführung zum Musikhören, und zwar von Kunstmusik) zulässig (vgl. Ott 1997, S. 10f.). Die Musikpädagogik entwickelte also eine deutliche Distanz zu schulischer Musikpraxis; so heißt es z.B. in den nordrhein-westfälischen Richtlinien für die Grundschule von 1969:

„Die Anwendung von elementaren Klangwerkzeugen (Orff-Instrumentarium) bei der Begleitung von Liedern hat nur dann einen musikerzieherischen Sinn, wenn deren spezifische künstlerische Möglichkeiten dabei zur Geltung kommen. (…) Blinder musikalischer Aktivitätsdrang führt hier nur allzu leicht auf Abwege. (…) Klassenweise, ohne vorhergehenden Einzel- oder Gruppenunterricht, gemeinsame Darbietungsübungen an einem Volksinstrument (z. B. der Blockflöte) vorzunehmen oder auch in der Musiktheorie klanglich primitive Ersatzinstrumente zu benutzen führt musikalisch nicht weit.“ (n. Nolte 1975, S. 239; zitiert nach Erwe 1995, S. 243)

80er und 90er Jahre

Seit den 80er Jahren hat – durch die Forderung nach Handlungsorientierung und nicht zuletzt durch die wachsende Bedeutung der Populären Musik im Musikunterricht – das Musizieren im Musikunterricht wieder stetig an Boden gewonnen, allerdings mit deutlich anderen Ansprüchen und Zielen als zur Zeit der Musischen Erziehung: v. a. geht es nun im Gegensatz zu vorher um das Ziel eines selbstbestimmten Umgangs mit Musik (Fuchs 1998, S. 8).

Die grundsätzliche Bedeutung des aktiven Musizierens im Klassenunterricht wird in der aktuellen Musikpädagogik nicht mehr in Frage gestellt. Das „Musik machen“ wird in den Lehrplänen (als eine von mehreren Umgangsweisen mit Musik im Unterricht) verbindlich vorgeschrieben, so etwa im nordrhein-westfälischen Lehrplan Musik für die Sek. I des Gymnasiums (1993, S. 49 f.) entsprechend der vier benannten Lernbereiche mit folgenden Lernzielen: „durch eigenes Musizieren musikalische Grunderfahrungen machen“, „musikalische Abläufe und Gestaltungsprozesse ausführen“, „Musik aus unterschiedlichen Epochen und Kulturen nachgestalten“ und „Lieder und Musikstücke singen, spielen, bearbeiten bzw. selbst erfinden und verändern und deren Wirkung erproben“.

Aktuelle Entwicklungen

In der letzten Zeit verstärkt sich diese Entwicklung zum Klassenmusizieren durch neue Konzepte wie zunächst Keyboardklassen, später auch Bläserklassen und Streicherklassen, andere Instrumentalklassen und Gesangsklassen, Musikklassenkonzepte mit Band-Instrumenten wie 1stClassRock und zuletzt das Projekt JeKi (Jedem Kind ein Instrument) und Jeki-Ableger (Jekiss, MoMo- Monheimer Modell) .

Funktionen und Begründungen

Dem Klassenmusizieren werden verschiedene Aufgaben mit unterschiedlicher Zielsetzung zugeschrieben (vgl. Fuchs 1998, S. 5f.). Nahe liegend ist das Klassenmusizieren aus Freude am Musikmachen, am schönen Klang und an der eigenen musikalischen Produktivität bis hin zur Entwicklung schöpferischer Potentiale. Diesen Erfahrungen weist sie besondere Bedeutung zu, da letztlich die ästhetische Dimension von Musik durch die ausschließlich kognitive Auseinandersetzung nur begrenzt erkannt werden kann.

Die Ziele eines allgemein bildenden Musikunterricht gehen aber darüber hinaus; dabei bieten die praktischen musikalischen Erfahrungen auch die Basis für weitergehende musikalische Lernprozesse. So kann das Klassenmusizieren als methodische und affektive Hinführung zu bisher unbekannter Musik dienen, wozu sich Mitspielsätze zu Playbacks oder vereinfachte Arrangements anbieten (zu entsprechenden Materialien vgl. Fuchs 2001, S. 106–115). Auch als Mittel des musikalischen Spracherwerbs wird das Klassenmusizieren eingesetzt: in Form einer handlungsorientierten Musiklehre z.B. durch den experimentellen Umgang mit Intervallen, Skalen und Rhythmen oder durch Übungen zur Periodenbildung, um so Grundlagen zum Verstehen und Wiedererkennen musikalischer Strukturen zu schaffen (vgl. Derscheid, Stagge 2005).

Bähr (2005, S. 167) weist im Zusammenhang mit dem Aufbauenden Musikunterricht darauf hin, dass grundsätzlich folgende drei Aspekte zu berücksichtigen und miteinander zu verbinden sind:

  • musikalische Tätigkeiten, die dem Musizieren breiten Raum geben,
  • systematische Schulung musikalischer Fähigkeiten und Fertigkeiten und
  • Reflexion von Sache und Tätigkeit.

Seine Forderung in Bezug auf das Klassenmusizieren ist, dass an dieser Trias orientiert auch die besonderen Klassenmusiziermodelle wie Musikklassen oder Einwahlgruppen, die vokales oder instrumentales Lernen in den Mittelpunkt stellen, offen sind für andere musikalische Tätigkeiten und Themen.

Darüber hinaus trägt das Klassenmusizieren in besonderer Weise zum innerschulischen Musikleben bei, leistet einen eigenen Beitrag zur Atmosphäre an der Schule und prägt dadurch das Schulprofil auch über die einzelne Musikstunde hinaus. Infolge der Bastian-Studie werden dem Musikmachen in der Schule neuerdings auch häufig weitergehende Transfereffekte zugeschrieben, die in der Tagespresse sogar zu (irreführenden) Titeln wie „Musik macht klug“ geführt haben. Sowohl die Ergebnisse entsprechender Studien als auch deren bildungspolitische Verwendung zur Begründung von Musikunterricht und Klassenmusizieren wird von vielen MusikpädagogInnen kritisch gesehen (s. auch die angegebenen Artikel hier im Wiki).

Literatur

  • Bähr, Johannes (2005): Klassenmusizieren. In: Jank, Werner (Hg.): Musik-Didaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II, S. 159–167. Berlin: Cornelsen.
  • Bähr, Johannes; Jank, Werner; Schwab, C. (2001): Musikunterricht und Ensemblespiel im Rahmen der Kooperation von allgemeinbildender Schule und Musikschule. In: Kraemer, R.; Rüdiger, W. (Hg.): Ensemblespiel und Klassenmusizieren in Schule und Musikschule, S. 131–152. Augsburg: Wißner.
  • Derscheid, Daniel; Stagge, Sven (2005): Musiktheorie? Das gibt's bei uns nicht!? Theorie für die Praxis – Musiktheorieunterricht in der Instrumentalklasse. In: Musik & Bildung, 2/2005, S. 12–21.
  • Erwe, Hans-Joachim (1994): Musizieren im Unterricht. In: Helms, Siegmund; Schneider, Reinhard; Weber, Rudolf (Hg.): Neues Lexikon der Musikpädagogik. Sachteil, S. 202–203. Kassel: Gustav Bosse Verlag.
  • Erwe, Hans-Joachim (1995): Musizieren im Unterricht. In: Helms, Siegmund; Schneider, Reinhard; Weber, Rudolf (Hg.): Kompendium der Musikpädagogik, S. 241–261. Kassel: Gustav Bosse Verlag.
  • Fuchs, Mechtild (2001): Methodische Aspekte des Klassenmusizierens in der Sekundarstufe I. In: Kraemer, R.; Rüdiger, W. (Hg.): Ensemblespiel und Klassenmusizieren in Schule und Musikschule, S. 95-130. Augsburg: Wißner.
  • Fuchs, Mechtild (1998): Musizieren im Klassenverband – der neue Königsweg der Musikpädagogik? In: Musik und Unterricht, 49, S. 4–9.
  • Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg) (1993): Richtlinien und Lehrpläne für das Gymnasium – Sekundarstufe I – in Nordrhein-Westfalen. Frechen: Ritterbach Verlag.
  • Noll, Günther (1994): Musische Bildung / Musische Erziehung. In: Helms, Siegmund; Schneider, Reinhard; Weber, Rudolf (Hg.): Neues Lexikon der Musikpädagogik. Sachteil, S. 201–202. Kassel: Gustav Bosse Verlag.
  • Ott, Thomas (1997): Musizieren und Lernen. In: Schütz, Volker (Hg.): Musikunterricht heute 2. Beiträge zur Praxis und Theorie, S. 7–15. Oldershausen: Lugert Verlag.